Der pariser Straßenkampf vom Juni 1848. 227
gefunden, deren Behälter voll Vitriolöl war, das die Insurgenten den angreifendenSoldaten ins Gesicht spritzten, nebst einer gewissen Anzahl großer Flaschen von Ei-senblech mit Terpentinöl gefüllt, womit man die öffentlichen Gebäude in Brand steckenwollte. An den Außenwänden der Mairie des achten Arrondissements und der Ka-serne de l'Oursine im Quartier Saint-Marccau sieht man noch jetzt den Pech- undTheeranstrich, womit sie überzogen wurden, und den man anzuzünden versuchte, wasnur der starke Wind verhindert zu haben scheint. Thüren und Thürpfosten sindverkohlt und angebrannt, aber die Flamme drang nicht bis ins Innere. Bei vielenGefangenen fand man materielle Beweise der unbarmherzigsten Wuth, welche dieInsurgenten beseelte. Sie wollten nicht blos siegen, sondern auch umbringen. Einfachgegossene oder selbst gehackte Kugeln waren ihnen zu gewöhnliche Geschosse, die nichtsicher genug den Tod gaben. Man fand bei ihnen Stücke von verrostetem Kupfer,womit sie ihre Gewehre luden, und kleine kupferne Röhren voll Pulver, an die einekleine Lunte so angebunden war, daß sie in der Wunde Platzten. Auch eiserne, miteinem auf beiden Seiten hervorstehenden Mcssingdraht durchstochene Kugeln fandman, die in vielen Fällen nicht wieder aus der Wunde herausgezogen werden konn-ten, sodaß die Verwundeten kläglich sterben mußten. Die Bürgerkriege und sogardie Religionskriege haben bisher nie etwas so Scheußliches ausgesonnen; seit den Zei-ten der Mervvinger ist schwerlich eine solche Verachtung alles Göttlichen und Mensch-lichen je vorgekommen. Nicht einmal die Spitäler wurden von den Insurgenten re-spectirt. Das Spital Saint-Louis und das Hötel-Dieu waren mit Barrikaden dichtumzingelt, und in diesem schrecklichen Zwinger standen die armen Kranken tausendTodesqualen aus, indem die Kugeln wider die Decke der Krankensäle schlugen undvon den Wänden abprallend aus die Bettdecken fielen. Welche teuflische Strategie,die zwei große Spitäler der Stadt in Blockhäuser verwandelte! Nach der Ansichtund Sprache der Insurgenten gehörten die Unglücklichen, die ein Bett im Spitalhatten, vielleicht nicht zum Volke, sondern zum schnöden Bürgerstande, der mit Stumpfund Stiel ausgerottet werden sollte. Die Zahl der Insurgenten, die man gefangengenommen, ist übermäßig groß; sie betrug gleich in den ersten Tagen 6SOO und be-ließ sich bald aus etwa 14000, die meist in den Forts der pariser Festungswerkeuntergebracht wurden, besonders in den Forts von Jvry, Vanves und Mont-Vale-rien. Andere verblieben noch in der Militairschule, im Gros Caillou, in der Kaserneder Nue de Tournon, in der Coneiergerie, in der Polizeipräfectur und in den Ar-rcsthausern La Force, Sainte-Pelagie, Les Madelonnettes, sowie in dem durch dieScptembecmorde berüchtigten Militairgefängniß der Abbaye. Auch den unterirdischenGang, der aus dem Schlosse der Tuilerien nach der Gartenterrasse an der Wasser-seite hinführt, und durch den sich Ludwig Philipp mit seiner Famlie am 24. Febr.flüchtete, benutzte man als Gefängniß. Die Gefangenen gehörten allen Ständen,allen Gewerben an; es befanden sich darunter sogar eine gewisse Anzahl Frauen.Viele derselben waren pensionirte Offiziere, abgedankte Militairs, Ingenieure, Sap-pcure. Außerdem fand man unter ihnen etwa 100 Studenten, eine ziemliche Mengejunger Leute von der aufgelösten republikanischen Garde, .und viele Arbeiter, beson-ders Schneider.
Merkwürdig war der Anblick der Stadt, so lange der Kampf dauerte. Dasgewöhnlich so lärmende und wimmelnde Paris sah aus wie eine ungeheure Stadt,deren Volksmenge sich plötzlich unter die Erde verkrochen. Allenthalben die endloslangen Straßen, Quais und Boulevards still und öde; nirgend weder Wagen, nochFußgänger; alle Thüren und Fenster geschlossen; weit und breit kein rauchender Schorn-stein; aber hier und da weiße Wolken von Pulverdampf in die Lust kräuselnd. Dasschauerliche Krachen des Gewehrfeuers, mit Trommelwirbel und Trompetenschall ver-mischt und von Kanonenknall überboten, unterbrach allein die Todtenstille. ÜberallLwldaten, Bürger in Uniform, Cavalene und Kanoniere, die einzige sichtbare Bevöl-kerung von einer Million Seelen, die mit bangem Herzen im Innern der Häuser
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