Band 
Erster Band.
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Der pariser Straßenkampf vom Juni 1848.

das Ende eines kläglichen Kampfes abwarteten. Das militairische Gemälde, das dieQuais und Boulevards darboten, war ganz eigenthümlich belebt durch die Staffageder Nationalgarden aus der Provinz, der Stadt- und Landmiliz, die in glänzendenUniformen und blauleinenen Kitteln mit klingendem Spiel und flatternden Fahnen,ihre Maires an der Spitze, vorüberzogen. Nichts Rührenderes als diese wackernBürgcrcolonnen, die Haus und Hof, Weib und Kind, nebst allen Interessen undGeschäften im Stich gelassen, um der bedrohten Hauptstadt und der gefährdetenGesellschaft beizustehcn. Dieser patriotische Aufschwung und Andrang nach der Haupt-stadt ging durch ganz Frankreich. Man kam nicht blos von 30 — 40 Meilen inder Runde nach Paris; sogar aus der Bretagne, aus der Vendee, dem Elsaß undder Franche-Comte eilten Nationalgarden in Masse herbei, und zwei Tage nach demAufstande zählte man fast an 100000 Mann, die von allen Ecken und Enden desReichs der Hauptstadt zugezogen, alle gut montirt, munter, rüstig und schlagfertig.Ganz Frankreich erhob sich wie Ein Mann, um die modernen Wiedertäufer aufsHaupt zu schlagen.

Ebenso merkwürdig war der Anblick der Stadt in den ersten Tagen nach been-digtem Kampfe. Am 27. dauerte die strenge Straßenpolizei fast noch in vollem Maßefort. Ab und zu hörte man noch Schüsse fallen, welche die nächsten Wachtpostenin Allarm brachten; man visitirte genau die verdächtigen Straßen und Häuser, undfand selbst in den Stadtvierteln, wo gar keine Conflicte vorgefallen, große Vorräthevon Waffen, Patronen, Kriegsmunition, Kugelformen und allerlei Werkzeuge, alsHacken, Beile, Eisenstangen, die vermuthlich zum Einschlagen der Wände und zumErrichten von Barrikaden dienen sollten. Hätte die Aufsicht nur einen Augenblicknachgelassen, so wären gewiß Versuche gemacht worden, Barrikaden im Innern derStadt zu errichten, um dadurch die Aufmerksamkeit von den Außengegenden abzu-lenken, wo die Insurgenten zwar vorläufig geschlagen, aber noch immer nicht ganzgebändigt waren. Eine kleine Anzahl Läden thaten sich am 27. Morgens wieder auf;doch von Mittag an wuchs ihre Zahl zusehends. Einige Cabriolete und Fiacres, sogaretliche Equipagen rollten durch die Straßen; die Fußgänger circulirten, aber ohneübermäßigen Andrang. Auf allen Gesichtern las man den sehr begreiflichen Aus-druck des Gefühls einer großen Erlösung; die Bangigkeit, die alle Gemüther beklemmthatte, war einer gewissen Zuversicht gewichen; doch bemerkte man nirgend etwas,was, wir wollen nicht sagen wie Freude, sondern nur wie Behaglichkeit aussah.Man besuchte die Stellen des Schlachtfeldes, wo der Bürgerkrieg am tollsten gewü-thet. An allen Wänden, auf allen Pflastersteinen hatte die Schlacht entsetzlich sicht-bare Spuren ihres Dagewesenseins zurückgelassen, und schrecklich war es, von den Rui-nen gewisser Stadtviertel die Erbitterung des Kampfes gleichsam Zeile für Zeile ab-zulesen. Am Pantheon, im Quartier Samt-Jacques, in der Cite, beim Stadthauseund im Faubourg Saint-Antoine sah eS aus wie in einer Festung, welche die Schau-der eines langen Bombardements ausgehalten und zuletzt mit Sturm eingenommenworden. Nichts fehlte an diesem Bilde: campirende Truppen, Bivouacfeuer, Mar-ketenderinnen, Vorposten, strenge Postenbefehle, frisch ausgewaschene oder mit Sandbestreute Blutflecken, starres und finsteres Schweigen der Einwohner, welche dieVerheerungen des Krieges in Augenschein nahmen und von den fürchterlichen Ge-müthsbewegungen der letzten Tage sich noch nicht wieder erholt hatten. Das Schau-spiel der aufgewühlten Straßen, der mit Kugelnarben besäeten Häuser und von Kar-tätschen zerschmetterten Wände hatte etwas unbeschreiblich Ergreifendes und Schauer-liches. Sehr stark litt das Quartier Latin, von der Straße Laharpe bis zum PlatzMaubert, vom Hotel-Dieu bis ans Ende des Faubourg Saint-Marceau, und vonder Brücke Samt-Michel an bis über das Pantheon hinaus. In den Straßen Samt-Jacques und Samt-Victor erhoben sich alle zehn Schritte weit Barrikaden; alle Sei-tengassen waren verrammelt, alle Häuser links und rechts inwendig durchgebrochen,sodaß man leicht und gefahrlos von einem ins andere gelangen konnte. Um dasPantheon herum starrten die angrenzenden Plätze von gigantischen Barrikaden, die