230 Der pariser Straßenkamps vorn Juni 1848.
hatten nach dem Kampfe alle Straßen der Vorstadt besetzt. Man hielt Durchsuchungin allen Häusern, wo man eine ungeheure Menge Schießgewehre aller Art aufraffteund noch vielfache Spuren und Wahrzeichen von dem Aufenthalt der Insurgentenvorfand, wie Überreste von verschüttetem Schießpulver und Branntwein auf denTischen, auch bisweilen große Blutflecken am Fußboden.
Ging man vom Bastillenplatz den Kanal hinaus, so kam man an den Clos Saint-Lazare und zu den Vorstädten der Nordseite, wo sich allenthalben Merkmale des Kanupfes zeigten: zerschossene Wände, eingefallene Dächer, durchgebrochene Schießlöcher,Schutt und Trümmer, doch nichts von der Art, wie die eben geschilderten Haupt-scenen. Dort wie überall konnte man indessen den überlegten Gang des Aufstandesverfolgen und die bedachtsamen Vorkehrungen erkennen,,,die er zu treffen wußte.Die Insurgenten hatten sich die am günstigsten gelegenen Ortlichkeiten ausgesucht undüberall für ihren Rückzug gesorgt. Die Zahl der Todten und Verwundeten stiegdermaßen, daß die gewöhnlichen Spitäler nicht ausreichten um sie unterzubringen;man mußte Feldlazarethe und provisorische Leichenkammern einrichten, wie es in denKirchen Saint-Se'verin, Samt-Gervais, Samt-Paul und Saint-Merry, in demPantheon, dem Stadthause, dem Bazar Bonne-Nouvelle und einem Theile des LouvrLund der Tuilerien geschah. Unter dem Dom des Pantheon lagen auf einer Estradedie Leichname des General Bre'a und des Stabscapitain Maugin, die so schnöderWeise an der Barriere von Fontainebleau gemordet wurden. In der großen Pracht-halle der Tuilerien und den anstoßenden Staatszimmern standen 77 Betten mit Blessir-ten von der Nationalgarde, Linie und Znsurrectionsarmee. Ein besonderes Gemach,das Nationalgardisten und Liniensoldaten hüteten, enthielt zehn verwundete Insurgen-ten von der gefährlichsten Sorte. In dem grandiosen Prachtsaal, la Salle de Louis XIVgenannt, lagen an der einen Seite, vor der Reiterstatue dieses Königs, sechs Cada-ver am Boden, und an der andern Seite standen zwei Särge mit einbalsamirtenLeichen. Die nach dem Gärten hinaus gehende große Schloßterrasse im ersten Stock,wo Ludwig Philipp und seine Familie spazieren zu gehen pflegten, wenn an schönenSommerabenden vor den Schloßfenstern Militairmusik spielte, war mit blutigen Lei-nentüchern, Matratzen u. s. w. vollgepackt, und in dem ganzen ehemaligen Königs-hause herrschte eine eigene Mischung von Blut - und Leichengeruch. Im Hofe undim Garten der Tuilerien bivouakirten Nationalgarde und Linie. Auf dem Concor-dienplatz war der Truppenbestand, die Artillerie abgerechnet, noch ebenso stark alssonst. Die Schildwachen hatten strenge Ordre, und wer nicht zur Nationalrepräsen-takion, zur Armee oder zu einer Zeitungsredaction gehörte, wurde nicht über den'Platz hinübergelassen. Die daselbst sehr zahlreiche Cavalerie hatte auf den Theilendes Platzes, die mit Asphalt geplättet sind, Futterplätze und offene Stallungen ein-gerichtet; die Pferde standen längs der Graben- und Brunnengeländer angebunden,wo sie ihr Mengkorn verzehrten; hinter ihnen auf der Erde lagen die blanken Küraß-helme mit Roßschweifen dicht aneinander gereiht; weiterhin Heuhaufen, volle Hafer-säcke, Futterwannen, Lagerzelte, Wachtfeuer, Streulager. Der Pantheonplatz warebenfalls ein Lagerplatz für Truppen aller Waffengattungen; ebenso der Platz Samt-Michel, der Blumenmarkt am Justizpalast, der Bastillenplatz, der Stadthausplatz.
Einen sehr belebten und pittoresken Anblick gewährten die Boulevards, beson-ders vorn Boulevard Bonne-Nouvelle an. Bei der Porte Saint-Denis campirtenLanzenreiter, bei der Porte Samt-Martin Dragoner, und am Chateau d'Eau, aufdem Boulevard Samt-Martin, erhoben sich die Zelte eines Infanterieregiments. Hierwar das Lager besonders vollständig, denn in der Mitte eines Liniencarres befandsich ein Artilleriepark. Auf dem mittlern Fahrwege der Quais und Boulevards passtr-ten beständig Colonnen Nationalgarden, die aus den Provinzen ankamen oder dahinwieder zurückgingen, in den mannichfaltigsten, oft drolligsten Uniformen und Trachten.Diese ein- und ausrückenden Bürgcrcolonnen, auf ihrem Hin - und Herwege mitHändeklatschen und Beifallrufen begrüßt, wechselten ab mit Stuhlwagen voll Leichen,die nach den Kirchhöfen fuhren, und vor welchen die Wachtposten ins Gewehr traten,