Schamil und der heilige Krieg im Osten des Kaukasus. 267
ihm fand die türkische Regierung den geeigneten Mann. der es übernahm, den Haßgegen Rußland durch das ganze Gebirge anzufachen und im Osten selbst bei den dor-tigen Gläubigen einen Fanatismus anzuregen, den man bei den bis dahin in Reli-gionssachen gleichgültigen Kaukasiern früher noch nie bemerkt hatte.
Im Islam ist die geistliche und weltliche Macht auf einem Haupte vereinigt,ja eigentlich find die Staaten, wo er eingeführt ist, Theokratien. Die Nachfolger(Chalifen) des Propheten sind auch Oberpriester (Jmams), die Richter (Kadis) sindnur Ausleger des Gesetzes, „wie es im heiligen Buche, dem Koran, niedergelegt ist.Außer dem Koran und den Überlieferungen, die in der Ssunna niedergelegt sind, gibtes kein Gesetz. Die Priester (Mollahs oder Mullahs) beschäftigen sich zwar vorherr-schend mit der Ausübung der Religionsgebräuche, haben aber namentlich in den ent-legenen Provinzen und fern von den Städten auch die Funktionen der Richter, indemdie Aussprüche eines heiligen Mannes für unfehlbar gelten. Namentlich ist dieses vonden Priestern der Fall, welche geistiger begabt, eine Menge junge Leute um sich ver-sammeln, die den Lehren ihres Meisters aufmerksam zuhören. Ein solcher Lehrer (Mur-schid) übt oft weit und breit einen großen Einfluß aus und erlangt nicht selten einepolitische Bedeutung. Diese muß in den Ländern, wo die Autorität des einzigen Nach-folgers, als welcher jetzt von allen Rechtgläubigen der Sultan in Konstantinopel betrach-tet wird, besonders wegen der Entfernung unbedeutend ist, um so gewichtiger werden.Es kann aber nur ein Chalis und ein Jmam (in einer Person) für alle Gläubi-gen existiren. Wenn jetzt neben dem Sultan der Türkei noch der Schah von Per-sten sich Oberhaupt des Islam nennt, so liegt die Ursache in einem Schisma, dassich zwar schon in dem ersten Jahrhundert nach der Hedshra bildete, sich aber erstmit der Besteigung des persischen Thrones durch die Ssefiden zu Anfang des 16.Jahrhunderts politisch geltend machte. Die Anhänger des Schisma heißen Schiitenoder Aliten und entsprechen den Protestanten in der christlichen Religion, währenddie andern Rechtgläubigen, welche neben dem Koran noch die spätern in der Ssunnaniedergelegten Überlieferungen als Grundlage ihrer Religion halten, Ssunniten genanntwerden und wie die Katholiken meinen, den alleinseligmachenden Glauben zu haben.Alle Häuptlinge ßunnitischer Mohammedaner erkennen wenigstens scheinbar die Auto-rität und das Chalifat des türkischen Sultans an. Es galt dieses namentlich vonden Ssunniten des Kaukasus.
In diesem mächtigen Gebirge (wahrscheinlich im Osten) lebte in dem letzten Vierte!des vorigen Jahrhunderts der schon oben erwähnte und mehr als gewöhnlich erleuch-tete Murschid (Religionslehrer) und wurde von der türkischen Regierung als ihrWerkzeug auserlesen. Mohammed Manßur predigte in feuriger Rede allen Gjaurn(Nicht-Mohammedanern) und namentlich dem Erbfeinde, den Russen, den Tod. Zahl-reiche Scharen seiner gläubigen Landsleute versammelte er um sich, begeisterte sie zuThaten, welche ihnen in jener Welt so reichlich vergolten würden, und führte sie selbstgegen die Russen. Raub und Plünderung war das Signal seiner Anhänger. Ruß-land hatte auf seiner ganzen Linie große Mühe, sich gegen die wiederholten Einfällehinlänglich zu schützen, obwol seine Kanonen ihm in der Ebene unendlichen Vortheilverschafften. Damals besaß der Kaiser noch keinen Fuß breit Land im Gebirge. MitBeute reich beladen kehrten oft die einfachen Söhne des Gebirges zurück und reiztenwiederum Andere zu neuen Einfällen. Aber noch weit mehr verstand MohammedManßur, der alsbald den stolzen Titel eines Scheichs annahm und sich selbst Scheichder Scheiche, zuletzt sogar Jmam nennen ließ, seine Landsleute durch die üppigstenSchilderungen im Jenseits zu kühnen Thaten zu begeistern. Der Tod schien Manchenwillkommen; nie konnte dem Streiter des Islam auf Erden Das dargeboten werden,was das Paradies in unendlicher Fülle besaß. Die Phantasie des Menschen ist jaselbst nach dem Koran gar nicht im Stande, die Wollust und die Freuden, welchemi Jenseits geboten werden, zu begreifen.
Die Völker des westlichen Kaukasus waren bis dahin vorherrschend Christen, wennauch sehr gleichgültige; außerdem hatten mehre Stämme der Tscherkeffen, die Kabardey