Schaun! und der heilige Krieg im Osten des Kaukasus. 273
entzog sich Kasi Mollah der Übermacht seiner Feinde, um von neuem das nördlicheGebiet des Schamchals sengend und brennend zu durchziehen. In aller Eile war auchGeneral Emanuel von Stauropol mit einem Detaschement herbeigeeilt, vermochte aber dochnicht die fanatischen Lesghier aufzuhalten. In einer Schlacht zog er sogar den Kürzern.Dies Alles geschah bis zum August desselben Jahres. Nur kurze Ruhe gönnte sichKasi Mollah in den Wäldern von Tschunkeskan und stand dann plötzlich wiederumvor Derbend. Die Bewohner Kaitachs und Tabaßerans hatten sich, freiwillig odergezwungen, diesem neuen Naubzuge angeschlossen. Acht Tage lang blokirte der kühneHäuptling des Gebirges die größte und bedeutendste Festung, welche selbst den Gläu-bigen im Koran als die Pforte des Glaubens geschildert wurde, bis auch hier wie-derum General Kochanoff in Eilmärschen herbeirückte und Derbend entsetzte. Kasi Mollahzog sich nach Himri, seiner Residenz, zurück, stand aber am 1. Nov. desselben Jahreswieder vor Kislär, einer befestigten Kreisstadt am Terek, und nahm diese nach hart-näckiger Gegenwehr mit Sturm ein. Mit Beute reich beladen kehrte er zum zweitenmal nach seinen Wäldern von Tschunkeskan zurück und beschloß dann in Himri dasnächste Frühjahr zu erwarten.
Während Kasi Mollah im Nordosten den Russen tausenderlei Schwierigkeitenbereitete, kämpfte ein lesghischer Häuptling, Hamßad Beg, im Südengegen die Russen.Da dieser Hamßad Beg schon bald eine wichtige Rolle spielte, wird es wol gut sein,aus dem frühern Leben dieses Häuptlings Einiges zu erzählen. Er soll in Chozatlin Awar geboren sein. Wahrscheinlicher war er gleich anfangs Mitglied der dshar-schen Republik, denn er trug namentlich dazu bei, daß die Dsharen kurze Zeit nach-dem sie Jermoloff gezüchtigt und von neuem unterworfen, sich wiederum empörtenund während des persischen und türkischen Krieges ihre Freiheit behaupteten. Sieerneuten sogar ihre frühere Lebensart und» raubten namentlich georgische Mädchen undFrauen, um sie in Akiska (Achalzich) zu verkaufen. Von hier aus wurden die schönenGeorgierinnen weiter nach Konstantinopel verhandelt. Akiska war schon seit mehrenJahrhunderten der berühmteste Handelsplatz für die georgischen Sklaven, während inAnapa an der Küste des Schwarzen Meers und südlich vom Kuban der Handel mitden Circassierinnen oder Tscherkessinnen betrieben wurde. Im Jahre 1829 ging aber derBesitz beider Sklavenmärkte an die Russen über. Nicht damit zufrieden, beschloß Pas-kewitsch, damaliger Generalstatthalter, auch die Dsharen selbst mit Krieg zu überzie-hen, wenn diese sich nicht augenblicklich unterwerfen würden. Ein Theil widerstandaber fortwährend und fügte sich erst einer neuen Expedition von russischer Seit«,Kaum war Paskewitsch abgerufen, als Hamßad Beg auch wieder seine Landsleutemit Erfolg überredete, die eingesetzte russische Regierung zu verjagen. Vier Ka-nonen fielen in seine Hände; damit nahm die dsharsche Republik eine drohendere Stellungals je ein, zumal bereits Kasi Mollah im Nordosten des östlichen Kaukasus mit Erfolgagirte. Der Generallieutenant Rosen versuchte die Häuptlinge der Republik durch Über-redung zu gewinnen. Als aber diese sich hartnäckig weigerten, sich zu unterwerfen,nahm der russische General den Hamßad Beg und dessen Bruder Murad Beg wäh-rend einer angeordneten Unterhandlung aus eine treulose Weise gefangen und schicktebeide Häuptlinge gefesselt nach Tiflis. Doch der Kaiser misbilligte einen alles Völker-recht höhnenden Verrath und befahl augenblicklich sie mit Geschenken reich versehenauf freien Fuß zu setzen. Während der Zeit war Rosen wiederum in die Thäler derdsharschen Republik eingedrungen und hatte sich das ganze Ländchen von neuem unter-worfen. Die Beste Sakatal wurde mitten darin erbaut und beherrschte gleich einemAwing-Uri die ganze Umgegend. Aufs äußerste entrüstet eilten die beiden Häuptlingem das Gebirge zurück, schickten alle Geschenke mit Verachtung nach Tiflis zurück undwurden von nun an die tapfersten Anhänger Kasi Mollah's. Blutig waren die Spu-ren, welche sie auf ihren Zügen hinterließen. Während Kasi Mollah nach der Er-oberung von Kislär in Himri seiner Familie lebte, führte Hamßad Beg die fanati-schen Lesghier in den Wäldern von Tschunkeskan an.
Die Gegenwart, i.
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