Schaun! und der heilige Krieg im Osten des Kaukasus. 293
offenen Dorfe einzogen, gar nichts vor. Man hatte geglaubt, daß mit der Erobe-rung Dargos Schamil seine Feindseligkeiten einstellen und sich zu Unterhandlungengeneigt finden würde, sah sich aber wiederum bitter getauscht, denn die Kaukasier setztenden Kampf nur um so erbitterter fort. Von neuem trat bei den Russen Mangelan Lebensmitteln ein, zumal der Feind ihnen den meisten Proviant abgenommen hatte.Kluke von Klukenau wurde mit der Elite des Heers beordert, neue Vorräthe ausGogatl zu holen. Unterdeß erwies sich die Lage der Russen in Dargo immer bedenk-licher. Schamil beschoß das Lager sogar mit Kanonen, wobei unter andern GeneralFock getödtet wurde. Noch unglücklicher ging es den abgesendeten sechs Bataillons,deren Proviant die beutegierigen Kaukasier nur noch mehr zum Kampfe anfeuerte.Die Generale Wiktoroff und Paßek wurden mitten im Lager von cingedrungenenLesghiern niedergehauen und man vermochte nicht einmal — so groß war die Ver-wirrung — ihre Leichname zu retten. Fast alle Zufuhr war in die Hände der Feindegefallen. Im traurigsten Zustande kamen die sehr zusammengeschmolzenen sechs Ba-raillons wiederum in Dargo an.
Die Russen verließen am 25. Juli, mehr gezwungen als freiwillig, Dargo undzogen im Thale des Iakßai abwärts. Von allen Seiten bedrängt und angegriffenflüchteten sie sich endlich auf eine von Wald entblößte Terrasse, auf der das DorfSchaugal-Berda liegt. Man sah die Unmöglichkeit ein, in dem dichten Walde wei-ter vorzudringen. Durch vieles Geld gewonnen, schlichen sich endlich zwei Ztschkerengenannten Dorfes, welche man wahrscheinlich gefangen genommen hatte oder welche schonfrüher zu den Russen geflüchtet waren, nach Gerselaul zu General Freitag, um ihmden trostlosen Zustand der Russen zu melden. In aller Eile raffte dieser Helfer inder Noth gegen 8000 Mann frischer Truppen zusammen und ging den Zakßai auf-wärts. Nach zwei Tagen kam er schon in Schaugal-Berda an und vereinigte sichglücklich mit Woronzoff, diesem zugleich frische Lebensmittel zuführend. Von nunan wurde der Kampf allmälig schwächer, denn auch die Kaukasier mochten müde sein.Am 1. Aug. langte das unglückliche, ausgehungerte Heer in Gerselaul an. Russi-sche Zeitungen gaben Siegesberichte über Siegesberichte. Man feierte in Tiflis undPetersburg die Eroberung Dargos, und doch hatten bis dahin die Bergvölker nochnie einen so glanzvollen Sieg davongetragen. Schamil fühlte sich erst jetzt, denn erhatte zum ersten mal einem so bedeutenden russischen Heere getrotzt. Neidhardt hattedoch die Republik Dargo erobert, während die Russen in dem Feldzuge 1845 demFeinde auch nicht eine Spanne Landes abnahmen. Neidhardt wurde abgesetzt, Wo-ronzoff zum Fürsten ernannt. Neidhardt hatte aber dem Kriegsrath ehrlich berich-tet, wie wenig er gethan, während aus der Expedition von 1845 pomphafte Schil-derungen von Siegen nach Petersburg gesendet wurden. Neidhardt hakte Schamilaus dem Gau Dargo vertrieben, Woronzoff war von Schamil aus Jtschkerien ver-jagt worden. Die ganze Befestigungslinie bis Gogatl fiel in die Hände der Feinde,denn nach dem Rückzüge Kluke's von Klukenau verließ Belgard die ihm anvertrauteBeste und zog sich mit Bebutvff bis Tscherkei zurück. Neidhardt hatte seine Erobe-rungen behauptet. Die Operationen der übrigen Detaschements sind weniger wichtigund blieben erfolglos. Argutinsky bedrohte den Gau Andalal, scheint aber gar nicht,oder nur auf sehr kurze Zeit bis zu dem Kara-Koißu vorgedrungen zu sein. AmEnde zwang ihn sogar Hadshi Murad, der hier die Lesghier anführte, sich bis Ku-mück zurückzuziehen und alle fernern Feindseligkeiten aufzugeben. Zu gleicher Zeithatte Schwarz mit dem lesghischen Detaschement die Höhe des eigentlichen KaukasuSerstiegen und in dem Quellengebiet des awarschen Koißu, namentlich in den GauenDshurmut und Tleßeruch (Kaißeruch) gegen Daniel Beg operirt. Eine Vereinigungmit Argutinsky brachte er aber nicht allein nicht zu Stande, sondern er war sogargezwungen, nachdem Hadshi Murad Andalal von allen fernern Angriffen befreit,den Chef des ßamurschen Detaschements zurückgeworfen hatte und endlich mit seinenStreitern Daniel Beg unterstützte, sich nach dem Gau Anzuch zu werfen, um vonhier aus durch Kaputscha, einen andern Kachien näher liegenden Gau, sich über