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Erster Band.
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305
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Der Socialismus und Communismus in Frankreich. 365

Der Staat wird damit zum allgemeinen Eigenthümer aller Eigenthume. Jetzt hatder Staat die Mittel in Handen, dieses Eigenthum so zu vertheilen, wie es das wahreRecht fodert, und es entsteht nun die Frage, nach welchem Princip er bei der neuen.Vertheilung dieses Eigenthums verfahren solle. Das Princip jedoch ist einfach: esist nur die Anwendung des Grundsatzes, daß allein die Arbeit ein Recht auf Eigen-thum gibt, und dcr^Staat, im Besitze des ganzen Capitals, soll nunmehr dasselbeso vertheilen, daß „Jeder nach seiner Fähigkeit, jede Fähigkeit nach ihrerArbeit belohnt werde". Das war der eigentlich socialistische Mittelpunkt der St.-Simonistischen Lehre; alles Übrige ist willkürlich oder übertrieben, und darum hateben dieser Gedanke allein die Schule überlebt, während ihre übrigen Bewegungensich bald in Sinnlosigkeiten und innere Unmöglichkeiten verloren. Um jene Verthei-lung nun vorzunehmen, soll eine großartige, einer Bankeinrichtung ähnliche Orga-nisation über die Gemeinden und Provinzen des ganzen Landes ausgebreitet werden,an deren Spitze eine Centralbank steht, und diese Organisation hat mithin die Ent-scheidung über Leben und Glück aller Einwohner eines Landes oder Staats.

Dies ist der wesentliche Inhalt der ersten französischen Socialtheorie. Die Schule,die unterdessen täglich an Kraft und Umfang gewann, erkannte aber bald, daß umsolcher Theorie willen Niemand sein Eigenthum aufgeben werde. Man mußte einemsolchen ungeheuern Opfer ein höheres Motiv geben, und dazu ergriff man die reli-giösen Elemente des St.-Simonismus. Für diese gefährlichste Seite der ganzen Schuletrat nun ein zweiter Mann neben Bazard auf, der unfähig war, praktische Gedan-ken zu begreifen, aber höchst geeignet, Schwärmereien zu vertreten. Enfantin, so hieß

er, betrat diese Bahn mit der Lehre der eigentlich St.-Simonistischen Religion, derzweite Theil der „Exposition" ward ihr gewidmet. St.-Simon ward nun als einneuer Messias hingestellt, dessen Sendung gewesen sei, Moses und Christus in einerneuen Lehre zusammenzufassen, und als Grundgedanken dieser Lehre stellte man denSatz auf: „Heiligt Euch durch Arbeit und Vergnügen." Es ist schwer zusagen, wie lange man auf diesem Wege hätte fortgehen können, denn die Elementeinnern Zwiespalts waren bereits vorhanden, als plötzlich die Julirevolution herein-brach. Jetzt glaubte die Schule den Zeitpunkt für ihren Sieg gekommen. Sie schlugein Manifest an die Mauern in Paris, um das Volk zu gewinnen, und reichte sogareine förmliche Erklärung an die Deputirtenkammer ein (1. Oct. 1830), in der sieihre Grundsätze als die allein wahren hinstellte. Sie eröffnete in dieser Adresse, daßsie keine gleiche Theilung des Vermögens, sondern nur eine Vernichtung der Privi-legien aller Art und eine Aushebung des Erbrechts fodere, um den Müssiggang zuvernichten. Jetzt wurde die Aufmerksamkeit auf diese Schule, die Theilnahme an ihrallgemein. Der „Clods", ein wichtiges Tageblatt, ward schon vom 22. Aug. 1831 anihr Organ; sie erhielt eine förmliche, über ganz Frankreich ausgebreitete Propaganda,und eine unglaubliche Menge von Menschen strömte allenthalben zu den Vorlesungenhinzu. Allein schon damals mußte es dem ruhigern Beobachter nicht entgehen,,, daßdiese ganze Bewegung keine Dauer haben konnte. Sollen so tief eingreifende Ände-rungen auch nur entfernt von dem Volke versucht werden, so ist es unabweisbarnothwendig, daß dasselbe lange Zeit dafür vorbereitet sei, und diese Vorbereitung war

es, die noch fehlte. Es war mehr das Interesse an der Neuheit der Sache als anihrem Inhalt, das die Schule erhielt. Daher hatte sie auch, als nun die innereTrennung losbrach, derselben keinen Halt entgegenzusehen. Dies Schisma, schonlängere Zeit vorbereitet durch die Bestrebungen Enfantin's, ein anderes, freies Ver-hältniß der Frauen in die neue sociale Welt einzuführen, brach am Ende des Jahres1831 aus. Enfantin wollte ein Weib für das „ Priesterthum" neben dem Mannefinden; Bazard und mit ihm die Besonnensten und Tüchtigsten der Schule erklärten,daß sie auf diesem Wege ihm nicht folgen würden oder könnten: sie schieden aus.Enfantin blieb mit dem Rest der Schule für sich und wurde der „Vater der Familie".Die Sache des St.-Simonismus war damit in der öffentlichen Meinung verloren.

Die Gegenwart. I. 20