312 Der Socialismus und Communismus in Frankreich.
zeichnen sie im Ganzen als die socialistischen Richtungen, und es wird leicht seinzu begreifen, was hierunter verstanden wird. Der Socialismus ist seinem Begriffnach ein System und fodcrt daher nothwendig irgend welche systematische Untersu-chung; seiner praktischen Bedeutung nach aber berührt er in dem Loosc der Arbeitereine Frage, die mit den verschiedensten Anschauungsweisen der Menschen in Berüh-rung steht, uud die Keiner, der mit einer Wissenschaft des Lebendigen sich beschäf-tigt, ganz übersehen kann. Es hat daher der Socialismus zunächst seinen Nachklanggesunden in allen den Untersuchungen, welche das Armenwcsen zum Gegenstände jhaben, und ist zum Theil sogar schon als Glied der Staatswisscnschafien überhauptbetrachtet worden. Unter den Franzosen verweisen wir hier vorzüglich auf die Werkevon Blanqui, de Gerando, Fregier, Villerme, Villeneuve-Bargemont, Th. Fix ^und Anderer, die vorzüglich vom Gesichtspunkte der Nationalökonomie und des Ar-menwesens aus zu den socialistischen Fragen gekommen sind, ohne jedoch einen ei-gentlichen Socialismus recht anzuerkennen. Wichtiger für den letzter» sind dagegendiejenigen Richtungen, die ohne eigenes sociales System die sociale Frage aus eigen-thümlichen Gesichtspunkten betrachten. Die Zahl Derer, die hierher gehören, istnatürlich sehr groß; uns kann es nur darauf ankommen, jene Richtungen in ihrenHauptvertretern selbst zu charakterisiren. Wir unterscheiden folgende vier:
Die religiös-sociale Richtung geht von dem Glauben aus, daß die Bestimmungder Menschheit, die ihr der göttliche Wille gegeben, durch die Liebe und die gläubigeHingebung erreicht wird, und daß die Freiheit zur Religion werden müsse, um Frei-heit und Religion zugleich zu erhalten. An der Spitze dieser Richtung steht der be-rühmte Lamennais. Nachdem derselbe für die unter mächtigem Beifall des ganzenniedern Klerus in Frankreich ergriffene Betheiligung an dem Aufschwünge der neuenIdeen vom Pabst und vom höher» Klerus verfolgt war, warf er sich mit der gan-zen Glut seiner Beredtsamkeit der Sache des Volks -in die Arme, und ward im 'höchsten Sinne des Worts der Priester der niedern Classe und ihrer Zukunft. Sckie„ksrolss (tun oroyunt" sind der Ausdruck dieser Anschauungen in ihrer ganzenpoetischen Fülle; sie sind zu bekannt, als daß sie einer besondern Darstellung bedürf-ten;; hier ist kein bestimmtes, positives Resultat zu erwarten, kein System, kein Vor-schlag. Aber Lamennais hat die Pflichten der Liebe gegen den Nebenmenschen alsRechte der untern Classen gegen die höhern ausgesprochen, und ist im Allgemeinender Vertreter der Vereinigung der religiösen mit der politischen Opposition geworden.
Die abstracto oder rein philosophische Richtung ist diejenige, welche den Begriffdes Menschen und der Menschheit in seinem philosophischen Verhältnisse zu den so-cialen Fragen erfassen will. Zwei Gründe lassen diese Richtung in Frankreich wenigaufkommen: zuerst ist Frankreich nicht mehr das Land philosophischer Bedürfnisse,und zweitens ist der gegenwärtige Zustand nicht geeignet, statt unmittelbarer prak-tischer Versuche, die Fragen der Gesellschaft bei ihrem äußersten logischen Gesichts-punkt anzuknüpfen. Daher kann man diese ganze Richtung fast in einem Name»zusammenfassen; ihr Führer ist Pierre Leroux. Derselbe hat sehr gründliche Stu-dien der deutschen Philosophie gemacht, aber nur ein kleines Publicum für dieselbenin Frankreich gefunden. Mit dem Jahre 1828 wandte er sich entschieden dem St.-Simonismus zu; aber bei der Spaltung der Schule gab er die Lehre auf und hatseitdem, hauptsächlich in seinem Werke „vs I'lrumonits" (1840) versucht, philoso-phisch das Wesen der Menschheit und ihre Ausgabe zu entwickeln. Dabei ist er tiefin die religiöse Anschauung hineingerathen, und hat deshalb, wenn er gleich stetseiner der Stimmsührer der ganzen socialen Bewegung vorzüglich in den höher» Krei-sen der Literatur geblieben ist, doch keine selbständige Schule begründen können.
Die kritische Richtung der socialen Bewegung ist um so wichtiger, je unbedeu-tender überhaupt die eigentliche Kritik in allen wissenschaftlichen und systematischenArbeiten Frankreichs auftritt. Natürlich aber hat sie für diese Wirksamkeit nur einenges Feld. Bis zur jüngsten Zeit waren alle Grundsätze der bisherigen Volks-Mirthschast sowie der Rechtswissenschaft in Frankreich ganz ohne scharfe und eindrim