Band 
Erster Band.
Seite
331
JPEG-Download
 

331

Die Realschulen oder höher« Bürgerschulen.

welche man den Realschulen und dem Realismus machte, waren: daß sie das Nützlich-keitsprincip zu ihrem leitenden Gedanken erhoben hätten und dadurch die Oberflächlich-keit in der Bildung und den Materialismus begünstigten; daß sie sich vermäßen, durchMathematik, Naturwissenschaften und neuere Sprachen eine wissenschaftliche Bildungder Jugend mitgeben zu können, die der in Gymnasien erzielten gleich käme; daßsie über ihren Kreis hinübergreifend sich nicht mit der allgemeinen Vorbildung fürgewerbliche Berufsarten begnügten, sondern auch Diejenigen zu sich herüberzuziehensuchten, welche sich solchen höhern Berufsthätigkeiten widmen wollten, für die bishereine classisch-humane Vorbildung nöthig erachtet worden wäre und auch künftig nö-thig sein würde. Es war durch diesen Widerstreit der alte Kampf des Humanis-mus und Philanthropinismus, aber freilich auf einer höhern Stufe, wieder erneuert.Oder es war der ewige Streit zwischen dem Idealismus und Realismus, die jetztauf dem Gebiet der Schule aneinander geriethen. Diese Vorwürfe waren wederganz gegründet, noch ganz ungegründet. Die Idee der Realschule, wie sie von denmeisten Realschulpädagogen entwickelt worden, wollte mit dem verrufenen Nützlich-keitsprincip allerdings nichts gemein haben; aber in der Wirklichkeit dienten freilichviele Realschulen dem niedrigsten Materialismus, und wenn diesen Anstalten für ei-nen gewissen Kreis Berechtigung nicht abgesprochen werden konnte, so gingen dochmanche ihrer Ansprüche in der That zu weit.

Diese Erörterungen und Streitigkeiten trugen ungemein dazu bei, daß den rea-listischen Bildungsanstalten immer mehr Aufmerksamkeit zugewendet wurde, und seit1839 entwickelte sich die Idee der Realschule beiweitem vielseitiger. Bisher war indem Lehrplan der Realschulen das Hauptgewicht aus die Sprachen gefallen, einer-seits weil man diese Richtung in der modernen Humanität begründet fand, anderer-seits aber weil man die Realschule dem Gymnasium so nahe als möglich bringenwollte. Aber einzelne Stimmen hatten allerdings schon auf einen andern Grundhingewiesen, aus welchem die Realschulen aufgerichtet werden müßten. Dieser Grundwar die mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung. Am bestimmtesten sprach diesunsers Wissens zuerst K. Chr. Snell („Über Zweck und Einrichtung eines Realgym-nasiums. Ein Programm." Dresden u. Leipz. 183-1) aus, der dem Realgymnasiumoder der Realschule als Zweck die der speciellen Fachbildung vorauszuschickende allge-meine wissenschaftliche Bildung für Diejenigen bezeichnete, welche entweder die Naturim Großen und in Massen dienstbar zu machen den Beruf haben, oder welche voneinem höhern Standpunkt aus die gesammte auf die Benutzung der Natur gewandtemenschliche Thätigkeit für die Zwecke des Staats zu lenken und zu leiten beauftragtsind: also für Alle, welche die höhern Stellen in der gesammten Administration be-kleiden, für alle gelehrten Kameralisten, alle höhern Beamten im Bau-, Forst-,Berg- und Hüttenwesen, für die großen Gutsbesitzer und Landwirthe. Hierdurchwurde freilich die Realschule dem Kreise des Bürgerthums gänzlich entrückt. DieseAnschauungsweise fand aber zunächst wenig Anklang, und erst vom Jahre 1840an trat sie bestimmt mit in den Vordergrund. Chr. H. Nagel („Die Idee derRealschule nach ihrer theoretischen Begründung und praktischen Ausführung", Ulm1840) sprach ihr entschieden das Wort, und sie fand mehr, und mehr Freunde.Noch schärfer erklärte sich für diese Ansicht H. Köchly („Über das Princip desEymnasialunterrichts der Gegenwart", Dresden u. Leipz. 1845, und „Zur Gymna-sialreform. Theoretisches und Praktisches", Ebendas. 1846), der das Gymnasiumdefinirt als die Vorbereitungsschule zum selbständigen Erfassen der historischen Wis-stnschasten, die Realschule dagegen als die Vorbereitungsanstalt zum selbständigenErsassen der Naturwissenschaften. In die Realschulen würden hiernach, die künftigengelehrten Naturforscher (Techniker, Chemiker,. Physiker u. s. w.) und Ärzte zu weisensem. Die specielle Frage, ob die künftigen Ärzte ihre allgemeine Vorbildung besserm der Realschule oder im Gymnasium zu suchen hätten, wurde um diese Zeit mehr-fach m medicinischen Blättern und Flugschriften erörtert, namentlich zwischen demRealschuldirector K. Chr. F. Fischer in Nordhausen („Noch ein nothwendiges Wort