334 Die Realschulen oder höher« Bürgerschulen.
rufenen Bedürfnisses die Vermehrung dieser Anstalten rasch vorwärts, freilich nurin den großem Staaten und Städten. Vor allen zeichnete sich Preußen aus. InSachsen geschah nichts Durchgreifendes. In Kurhessen wurde ein viel versprechenderAnsang gemacht, der Plan aber nicht gehörig durchgeführt, wenn man überhaupteinen solchen hatte; das Realschulwesen blieb hier auf halbem Wege stehen. Im Kö-nigreich Hannover konnte man sich nicht entschließen, das lateinische Schulwesen zu-rückzudrängen. Östreich blieb mit seinem Schulwesen stehen und nahm die neueIdee der Realschulen nicht in sich auf. In Schleswig-Holstein wurde ein Anfanggemacht. Den kleinern deutschen Staaten fehlte es meist an Geldmitteln oder auchwol an Einsicht, um in Bezug auf Begründung realer Bildungsanstalten mit anderngleichen Schritt zu halten. Nur Meiningen, Gotha und in den letzten Jahren Nas-sau zeichneten sich aus. Von mehren süddeutschen Staaten wird weiter unten be-sonders die Rede sein. Die Anzahl der in Deutschland gegenwärtig bestehendenRealschulen läßt sich schwer bestimmen; denn gar viele Anstalten, welche diesen Na-men führen, namentlich in Süddeutschland, sind nicht eigentliche Realschulen, sonderngewöhnliche Bürgerschulen, und manchmal kaum solche. Nimmt man die hohemBürgerschulen in Preußen, welche die Berechtigung zu Maturitätsprüfungen haben,zum Maßstab, so dürften sich in ganz Deutschland wol noch nicht einmal 400solche Anstalten finden. Will man es aber etwas minder genau nehmen, so steigtdie Anzahl der Realschulen und hohem Bürgerschulen wol bis 200. Die bedeu-tendsten oder am meisten genannten Anstalten dieser Art sind in folgenden Städten:Aachen, Annaberg, Anspach, Aschaffenburg, Aschersleben, Augsburg, Baireuth,Bamberg, Berlin, Brandenburg, Braunschweig, Breslau, Darmstadt, Düsseldorf,Elberfeld, Elbing, Frankfurt an der Oder, Gießen, Gotha, Graudenz, Guben, Hal-berstadt, Halle, Hanau, Hannover, Heidelberg, Jnsterburg, Kastsruhe, Kassel, Kob-lenz, Köln, Königsberg, Küstrin, Landsberg an der Warthe, Leipzig, Lübben, Mag-deburg, Mainz, Manheim, Meiningen, Memel, Meseritz, München, Nordhausen,Nürnberg, Offenbach, Offenburg, Oldenburg, Posen, Potsdam, Prag, Regensburg,Reutlingen, Rheidt, Saalfeld, Siegen, Stettin, Stralsund, Smttgart, Trier, Ulm,Wiesbaden. Die äußere und innere Einrichtung der bestehenden Real- und höhernBürgerschulen ist sehr verschieden. Der Grund davon liegt nicht nur in den amt-lichen Verhältnissen und Anfoderungen, welchen sich die neu entstandenen Anstaltenmehr oder weniger anbequemen mußten, in dem Mangel an Geldmitteln, wodurchviele in ihrer vollständigen Entwickelung sich gehemmt sahen, und in dem Mangeleines festen Princips in manchen Staatsregierungen, sondern auch in der Mannich-saltigkeit der wissenschaftlichen Ansicht über die eigentliche Ausgabe und Stellung derRealschulen. Wir wollen diese Verschiedenartig^ der Einrichtung nicht beklagen;sie ist unstreitig ein größerer Segen, als wenn alle Realschulen über dieselbe Formgeschlagen wären. Selbst die hin und wieder sichtlich hervortretenden Ausartungenund Ausschweifungen werden mit der Zeit und durch die Macht der Vernunft wie-der beseitigt werden. Da hinsichtlich der Organisation der Realschulen ein wesentli-cher Unterschied zwischen dem Norden und Süden unsers Vaterlandes hervortritt, sowerden wir zunächst mehr Norddeutschland ins Auge fassen, um dann auf dieRcal-schulverhältnisse in Süddeutschland besonders einzugehen.
In Norddeutschland haben sich die Realschulen am vollständigsten und mit größererÜbereinstimmung ausgebildet. Sie sind fast durchgehend städtische Anstalten und wer-den nur hier und da aus Staatsmitteln unterstützt. Die vollständigen Realschulenbestehen hier aus sechs Classen, meist mit einjährigen Lehrcursen und für das Altervom 10. bis zum 16. Lebensjahre. Manche haben nur fünf oder vier Classen undnehmen dann gewöhnlich Schüler erst mit dem 11. und 12. Lebensjahre auf, oderentlassen die Schüler auch wol ein Jahr früher. Mit manchen Realschulen sindüberdies noch Elementarstoffen verbunden. Das Schulgeld ist in säst allen ziemlichhoch, und steigt nach den Städten und Classen von 8 Thlr. bis 36 Thlr. jährlich-Für freien Unterricht ärmerer würdiger Knaben ist nicht hinlänglich gesorgt. An