336 Die Realschulen oder höher« Bürgerschulen.
namentlich in der Mathematik und den Naturwissenschaften. Manche Anstalten be-gnügen sich nicht, den mathematischen Unterricht mit der ebenen Trigonometrie undden Gleichungen des dritten Grades zu schließen, sondern ziehen auch wol noch dieCoordinatengeometrie, die Curvenlehre nach analytischer Behandlung, die Hähern Glei-chungen und die Differentialrechnung herein. In der ersten Classe eines Realgym-nasiums wurden in einem Jahre der Optik allein 80 Lehrstunden gewidmet, undhier und da wird in der Naturgeschichte die Anatomie und Physiologie der Thiere,die Organographie der Pflanzen, die Thier- und Pflanzen-Geographie abgesondert -vorgetragen. Diese Überschreitung des rechten Maßes kommt zuweilen auch in an-dern Lehrobjecten vor. Im Deutschen wird zwar nur sehr selten bis zum Altdeut.schen zurückgegangen, dagegen mag es öfter der Fall sein, daß die französische oderwol gar auch die englische Literaturgeschichte gelehrt wird. In Magdeburg findenwir neben der politischen und Literaturgeschichte noch Kunstgeschichte mit besondererBerücksichtigung der Baukunst. Die Methode in den norddeutschen Realschulen istmeist die systematische und wissenschaftliche, versteht sich auf den obern Stufen. Ze-der Gegenstand soll möglichst nach seinem Grunde, nach der Mannichsaltigkeit unddem Zusammenhange seiner Theile und in seiner Einheit von den Schülern erkanntwerden. Einer mehr praktischen Behandlung der exacten Wissenschaften ist man nichthold. In dem Sprachunterricht wird gewöhnlich die Mitte zwischen der streng gram-matischen und der praktischen Methode gehalten.
Die Schüler der Realschulen sind sehr verschiedenartig, sowol nach dem Standeihrer Ältern, als nach ihren Fähigkeiten und der Absicht, in der sie diese Anstaltenbesuchen. Sie gehören nicht in so großer Zahl, wie in den Gymnasien, den soge-nannten gebildeten Ständen, dagegen der Mehrzahl nach dem mittlern Bürgerstandean. Sie sind ferner im Durchschnitt nicht so befähigt, als die Schüler des Gym- ,nasiums, welches gewöhnlich die minder befähigten Knaben an die Realschule abgibt.Viele Ältern schicken ihre Söhne der Realschule zu, nicht gerade in der Äbsicht, daßdiese dort wirklich eine höhere Bildung sich aneignen, sondern nur durch eine ArtEhrgeiz getrieben. Daher kommt es, daß viele Realschüler wenig Trieb und Eiferzum Lernen zeigen, oft in den mittlern Classen sitzen bleiben und sogleich nach derConfirmation abgehen. In den meisten Realschulen wird sehr darüber geklagt, dasdie obersten Classen zu wenig besetzt sind. In der ersten Classe finden sich manch-mal kaum ein halbes Dutzend Schüler. Der praktische Beruf, dem sich die Schü-ler der Realschule nach ihrem Abgang ckidmen, ist natürlich sehr verschieden undhängt sehr von den Ortsverhältnisscn ab. In der Königlichen Realschule zu Berlingingen im Jahr 1843 aus Prima, Ober- und Unter-Sccunda und Tertia 85 Schü-ler zu folgenden Bestimmungen ab: 1 ins Gewcrbeinstitut, 12 zur Ökonomie, 2zum Baufach, 4 zum Forftsach, 1 zur Thierarzncikünde, 8 zum Militair; 2 woll-ten Banquiers, 1 Gärtner, 1 Schullehrer, 1 Schriftsetzer, 31 Kaufleute, 5Apotheker, 3 Maschinenbauer, 2 Maler, 1 Koch, 1 Gelbgießer, 1 Buchbinder, 1Sattler, 1 Färber, 1 Posamentircr werden; 2 gingen zum Burcaudienst, von öwar die Bestimmung nicht bekannt. Dagegen widmeten sich von 454 in einem Zeit-raum von zehn Jahren abgegangenen Schülern der Realschule in Nordhausen: 108der Handlung mit und ohne Fabrikgeschäft, 102 der Ökonomie, 19 dem Militair,28 dem Forstfach, 9 der Feldmeßkunst, 4 dem Postfach, 4 der Pharmacie, 4 demBuchhandel, 2 dem Schreibfach, 1 der Chirurgie, 1 der Medicin (im Auslande),80 verschiedenen Fabrikgeschäften und Handwerken; 3 gingen auf Universitäten ohneAnspruch auf Staatsdienst zu machen; 25 gingen auf andere Schulen, 16 wurdenverwiesen; von 34 ist die Bestimmung, der sie sich widmeten, unbekannt geblieben,und 14 bestanden die Maturitätsprüfung. Wie wenig sich zur Zeit selbst die Real-schulen in Preußen im Allgemeinen auf den Standpunkt der vorläufigen Jnstructionerhoben haben, oder richtiger, wie wenige Schüler den ganzen Cursus der HähernBürgerschulen durchzumachen pflegen, beweisen nicht nur zahlreiche Klagen über denMangel an Schülern in den obersten Classen und die Überfüllung der mittlern und