Die Realschulen oder höhern Bürgerschulen. 341
angegeben hätten, zu Anstalten für allgemein wissenschaftliche Bildung mit Berück-sichtigung der Bildungsbedürfnisse des höhern Bürgcrstandes sich erweitert unddie Stelle von Realschulen mit vertreten haben würden, mag zweifelhaft sein. 'Wenigstens haben die hier und da gemachten Versuche, das gymnasiale und realePrincip aus den untern Stufen miteinander zu verschmelzen, auf den mittlern, be-ziehungsweise den obern Stufen aber durch Einrichtung von Parallelklasse» für dieRealien wenigstens äußerlich zu verbinden, nicht zu einem gedeihlichen Erfolg geführt.Die Idee, durch Beschränkung der Philologie auf den Gymnasien und Erweiterungdes Lehrplans derselben durch neuere Sprachen und Naturwissenschaften die Real-schulen künftig überflüssig zu machen, scheint übrigens unter den Gymnasiallehrernin neuester Zeit mehr Freunde zu finden,*) während sie von den Nealschulmännern,die natürlich die Selbständigkeit ihrer Anstalten behaupten wollen, zurückgewiesenwird. Indessen nähern doch Manche, wie schon oben angedeutet worden, die Realschuledem Gymnasium so sehr, daß zu ihrer völligen Vereinigung nur noch ein kleinerSchritt zu thun wäre. Die bisherige Auseinandersetzung zwischen beiden Anstaltenscheint jedoch nicht in allen Punkten auf dem rechten Grunde zu ruhen.
Die große Mannichfaltigkeit in der bisherigen Entwickelung der Realschule inder Wirklichkeit deutet unverkennbar darauf hin, daß es noch keine leitende Idee gibt,die allgemeiner Anerkennung sich erfreute. Dessenungeachtet dürfte eine solcheBuntscheckigkeit, wie sie sich im Realschulwesen Deutschlands darstellt, ungleich weni-ger nachtheilig sein, als eine durch den Actenpinsel der Behörden künstlich erzeugteEinsarbigkeit. Auf geistigen Gebieten kann man der freien Bewegung kaum Spiel-raum genug lassen, und die SchulbehLrden brauchen nichts zu thun, als zu verhü-ten, daß nicht geradezu Verkehrtes auf dem Gebiete des Realschulwesens erstrebt odervielmehr verwirklicht werde. Den örtlichen Verhältnissen und Bedürfnissen muß im-mer Rechnung getragen werden. Das Nachdenken wird nach und nach schon dasRechte finden und dieses sich allgemeine Anerkennung erzwingen. Die großen Mangel,von welchen unsere Realschulen jetzt noch sich gedrückt sehen, werden allmälig ver-schwinden, sobald man sie nur erst als solche erkennt. Freilich sind diese Mangeljetzt noch sehr zahlreich. Zuvörderst wirkt es sehr ungünstig auf die Realschulen,daß so viele Knaben ihre Schulbildung in ihnen suchen, die sowol nach ihren Fähig-keiten als auch nach dem Stande und Berufe, dem sie einst angehören werden, aneiner guten Bürgerschulbildung genug hätten. Die Realschulen werden dadurch we-nigstens in ihre» untern und mittlern Classen überfüllt und durch das sich ansam-melnde Phlegma in ihren Leistungen ausgehalten. Hiermit hängt zusammen, daß soviele Schüler die Realschulen verlassen, ohne den gesammten Cursus vollendet zu, ha-ben, ja ohne in die obersten Classen vorgerückt zu sein. Der Grund dieses Übel-stands liegt entweder in mangelnder Einsicht der Ältern, die nicht wissen, was ihrenSöhnen zum Besten gereicht, oder in den drängenden Federungen des praktischenLebens, welche die Ausdehnung der Bildungszeit nicht gestatten, oder in der falschenAnficht der Realschulmänner, daß das Leben nach ihren Unterrichtssystemen sich rich-ten müsse, während es allerdings natürlicher wäre, wenn die Schule mit ihrer Ein-richtung sich nach dem Leben bequemte. Wahrscheinlich geht man am sichersten,wenn man ein Zusammenwirken aller drei Ursachen annimmt. Ein anderer Mangelin Bezug aus die Realschulen liegt in den Lehrern. Dieselben sind äußerst ungleichgebildet. Neben einer nicht geringen Anzahl ausgezeichneter Lehrer findet man hiereine noch größere Anzahl mittelmäßiger und für ihren Beruf ganz untauglicher Män-ner. Manche, die an einer andern höhern Schule als Lehrer nicht fortkommen,denen die Theologie nicht recht mundet, oder die den geistlichen Beruf verlassen, umauf anderm Wege eher einen Familicnherd zu begründen, oder die sich aus Ehrgeizüber den Volksschullehrerstand Hinausgetrieben fühlen, wenden sich zur höhern Bür-
. I-. D. E. Fresse, Gymnafialdirector zu Stargard, „Das deutsche Gymnasium nach
den Bedürfnissen der Gegenwart dargestellt" (Dresd. und Lvr. 1845).