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Erster Band.
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David Friedrich Strauß.

Reben dieser seiner Bedeutung sür die Kritik der evangelischen Geschichte ist aberjenes Werk von der höchsten Wichtigkeit auch Ar die Kritik der christlichen Dogmatik.

Es ist dies schon an und für sich, durch seine historischen Resultate. Denn da sichder Glaube an Jesum und die Vorstellung von seiner Person und seiner Würde inletzter Beziehung auf die Geschichte Christi, auf seine Lehrrcden, seine wunderbarenThaten und Schicksale gründet, so kann es für jenen Glauben und jenes Dogmanicht gleichgültig sein, ob man die biblischen Erzählungen von jener Geschichte Wort ,für Wort annimmt, oder ob man mit Strauß den größern Theil derselben als offen-bar ungeschichtlich oder wenigstens unsicher bei Seite stellt, um als »»bezweifeltenRest nur die Thatsache übrig zu behalten, daß Jesus von Nazareth als sittlich-reli-giöser Reformator des Judenthums auftrat, daß er als solcher längere oder kürzereZeit mit bedeutendem Erfolg, in ausgesprochener Opposition gegen den herrschendenPharisäismus wirkte, daß er sich selbst als den vom Alten Testament geweissagtenMessias ankündigte, daß er unter Pilatus dem Haß der pharisäischen Partei unter-lag, daß aber der Eindruck seiner Persönlichkeit und seiner Lehre mächtig genug war,um den Glauben an seine messianische Sendung bei seinen Anhängern zu erhalten,diese, dem Thatbestand zum Trotz, von seinem Fortleben, d. h. seiner Auferstehungund seiner Erhebung in den Himmel zu überzeugen, und selbst visivnaire Erscheinun-gen des Auferstandenen unter ihnen hervorzurufen. Der Verfasser des „Lebens Jesu"hatte selbst dafür gesorgt, daß diese Bedeutung seiner Schrift den Lesern nicht ent-gehen konnte. In einer Schlußabhandlung unterwarf er die verschiedenen Ansichtenvon der Person Christi, die altkirchliche, die rationalistische, die Schleiermacher'sche,die Hegelisch-orthodoxe, einer scharfen und eindringenden Kritik, welche mit dem Re-sultat abschließt: daß die entgegengesetzten Prädicate, welche die Kirche Christo bei-legt, in einem und demselben Individuum zusammengedacht, sich widersprechen, und ,nur auf die Menschheit als Ganzes angewendet Wahrheit haben; daß kein Einzel-ner Gott und Mensch zugleich sein könne, wol aber die Menschheit, als die endlicheVerkörperung des unendlichen Geistes; kein Einzelner unsündlich, aber die Gattung,sofern sie in ihrem geschichtlichen Gang mit unaufhaltsamer Sicherheit vorwärts schreitet,und auch vorübergehende und theilweise Störungen in seinem Gesammtverlauf wiederausgleicht; kein Einzelner wunderthätig, aber das Geschlecht, welches die Natur infortwährendem siegreichem Kampfe zum Werkzeug des Geistes herabsetzt; kein Ein-zelner der Erlöser, sondern nur die Idee der Menschheit, die Jeden, in welchem siewahrhaft lebendig wird, über die sittlichen und natürlichen Schranken seines Daseinserhebt u. s. w. Wie die geschichtliche Erscheinung Jesu von jeder störenden Ein-mischung idealer Gesichtspunkte, so sollte andererseits die Idee des Gottmcnschen oderder Gottmenschheit von der Gebundenheit an ein geschichtliches Individuum befreitwerden; auf jener Seite liegt die historische, aus dieser die dogmatische Bedeutungdes „Lebens Jesu".

Ein so kühner Angriff auf Glaubcnsmeinungen, die bisher den Meisten für un-umstößlich gegolten hatten, konnte nicht anders als das allergrößte Aufsehen hervor-bringen. Die ganze theologische Welt gerieth über dem Strauß'schen Buche in Auf-ruhr, es regnete Hunderte von Gegenschriften und Beurtheilungen aus allen Ton- ^arten, und es erzeugte sich mit unglaublicher Schnelligkeit eine Bewegung, welchesich von den wissenschaftlichen Mittelpunkten aus in immer weiter» Schwingungenund bald bis in die unteren Schichten der Gesellschaft verbreitete. Für die persön-lichen Verhältnisse des Verfassers hatte die Offenheit seines Auftretens die Folge, daßer von seiner Repetentenstelle entfernt und auf ein Schulamt versetzt wurde, das wederseinem Talent noch seinen Wünschen entsprechend, bald von ihm mit dem Privat-stand vertauscht wurde. Aus dem letzter» ist er, erst in Stuttgart, dann in Heil- lbronn wohnhaft, bis heute nicht herausgetreten. Um den vielfachen literarischen An-griffen zu begegnen ließ Strauß 1837 drei Hefte „Streitschriften" (Tüb.) ausgehen,worin er neben Strudel und Eschenmayer, Hcngstenberg, Ullmann, den Hegelianernder rechten Seite und des Centrums, auch Menzel, den unberufenen, moralisch ab-