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David Friedrich Strauß.
stechenden und verdächtigenden Beurthciler seiner Schrift, vornimmt und nach Gebührzurechtweist. Diese Streitschriften gehören durch ihre Frische, ihre Gewandtheit, ihreGründlichkeit, ihre geistreiche Scharfe und unwiderstehliche Bündigkeit unbestritten zudem Besten, was die deutsche Literatur in dieser Art der Darstellung auszuweisenhat; außer Lessing's polemischen Abhandlungen ist ihnen kaum etwas Anderes zurSeite zu setzen. Neben vielfachen Erläuterungen der Strauß'schcn Ansichten enthaltensie auch werthvolle Beiträge zur Charakteristik der neuern Theologie, indem der Ver-fasser sich nicht mit der Zurückweisung von Angriffen begnügt, sondern diese mit derschneidendsten Analyse der gegnerischen Standpunkte und Ansichten erwidert. Demgrößcrn Publicum ist namentlich die Schrift gegen Menzel zu empfehlen, welche dermoralischen Beurtheilung wissenschaftlicher und dichterischer Werke die ästhetische, mitallem Nachdruck entgegenstellt, und das ganze Verfahren jenes Kunstrichters der un-barmherzigsten, durch einen köstlichen Humor gewürzten Kritik unterwirft. Die Fort-setzung der Streitschriften wurde durch die neuen Ausgaben des „Lebens Jesu" unter-brochen, deren bis zum Jahre 1840 nicht weniger als vier folgten. Strauß verwobjetzt die Entgegnung auf manche Einwürfe in diese, und wandte sich andern Arbeitenzu, von denen aus den nächsten Jahren nach dem Erscheinen des „Lebens Jesu" beson-ders zwei hervorzuheben sind: die „Charakteristik Daub's und Schleiermachcr's", welcheerst in den „Hallischen Jahrbüchern", dann mit andern Aussähen in den „Charakteristi-ken und Kritiken" (Lpz. 1839) erschien, und die Abhandlung über Vergängliches undBleibendes im Christenthum, welche mit der liebenswürdigen Charakteristik JustmusKerner's unter dem Titel: „Zwei friedliche Blätter" (Altona 1859) zusammen-gedruckt ist. Diese Abhandlung, eine Vorläuferin von Strauß' Dogmatik, setzt anverschiedenen Hauptpunkten den Gegensatz der modernen, auf das System der Imma-nenz gebauten, und der alten dualistischen Weltanschauung auseinander. Auch für denAnhänger der modernen Weltanschauung glaubt Strauß den Christennamen in Anspruchnehmen zu dürfen, weil nämlich das eigentliche Wesen der Religion und des Chri-stenthums, die Einheit des menschlichen Selbstbewußtseins mit dem Gottesbewußtseinin Christus, als dem größten religiösen Genius, sich in solcher Vollendung verwirk-licht habe, daß es keinem Spätern möglich sein werde, in dieser Beziehung über ihnhinauszugehen. Von einer gleich friedlichen Stimmung sind auch die Veränderungeneingegeben, durch welche sich die im Jahre 1858 erschienene dritte Auflage des „LebensJesu" von ihren Vorgängerinnen unterscheidet. Der Widerspruch von allen Seiten hatteden Verfasser an mancher seiner frühern Behauptungen irre gemacht; er wagte esnicht mehr, das vierte Evangelium mit derselben Bestimmtheit, wie früher, für un-echt und unglaubwürdig zu erklären; „seine Zweifel selbst waren ihm zweifelhaftgeworden", und sein Werk erhielt dadurch, bei unveränderter Grundansicht, doch imEinzelnen eine etwas schwankendere Haltung. Zeigte es sich indessen schon im zwei-ten Theil der genannten Ausgabe, in der Kritik der evangelischen Wundererzählun-gen, daß die mythische Auffassung unvermeidlich auf jene Ansicht vom vierten Evan-gelium zurückkommen mußte, so nahm auch Strauß selbst in der vierten (1840) alleseine frühern Zugeständnisse zurück, und erklärte es als seine Hauptaufgabe bei der-selben, aus seinem guten Schwert die Scharten wieder auszuwetzen, welche nicht sowoldie Gegner hineingehauen, als er selbst hineingeschliffen habe. Diese letzte Bearbei-tung des berühmten Werks steht daher der ersten am nächsten.
Bei dieser seiner damaligen Stimmung kann es um so weniger auffallen, daßStrauß kein Bedenken trug, einen Ruf der liberalen züricher Regierung anzunehmen,durch den ihm zu Anfang des Jahres 1859 eine theologische Lehrstelle an der dor-tigen Hochschule übertragen wurde. Zum wirklichen Antritt dieser Stelle ist es bekannt-lich nicht gekommen. Die „ Rcligionsgesahr" wurde von der cvnservativen Parteibenutzt, um das Volk in Flammen zu setzen, eine furchtbare Aufregung, durch einElaubenscomite geschärt und geleitet, verbreitete sich durchs ganze Land, und wie-wol Strauß von der Regierung selbst, die ihn berufen hatte, wegen „ Untauglichkeit"wieder in Ruhestand versetzt war, wurde der politische Zweck der „Religionsgefahr"