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Erster Band.
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351
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David Friedrich Strauß. 351

evangelischen Geschichte in der Tradition, das Dasein einer mcssianischen Dogmatikunter den Juden zur Zeit Christi, am Ende sogar die historische Existenz Jesu ohneWeiteres leugnete; theils nahm er sich auch nicht die Mühe, den Ideen, von wel-chen die evangelischen Erzählungen beherrscht sind, weiter nachzuspüren, sondern ließdiese Erzählungen sammt und sonders aus die willkürlichste und zufälligste Weise imKopf des angeblichen Urcvangclistcn, von dem unser Marcuscvangclium hcrstammensoll, entstehen, und ebenso willkürlich und grillenhaft von seinen Nachfolgern, demangeblichen Lukas, Matthäus und Johannes verarbeiten. So wurde aus dieser groß-sprecherisch angekündigten Widerlegung und Verbesserung der Strauß'schen Kritik,welche sich selbst dieser gegenüber so gern als die Erscheinung eines ganz neuen Prin-cips und den Anfang einer neuen Epoche geltend gemacht hätte, eine Caricatur,die nach kurzem Aufsehen schon seit Jahren wenig mehr beachtet wird. Ungleichgründlicher griff der gelehrte tübinger Baur die Aufgabe an (zu deren Lösung erschon vor den> Erscheinen des „Lebens Jesu" den Grund gelegt hatte), von den nega-tiven Resultaten der Strauß'schen Kritik zu einer positiven Anschauung von der Ge-schichte des ältesten Christenthums zu gelangen, indem er von den echten und unechtenPaulinischcn Briefen ausgehend den eigenthümlichen dogmatischen Motiven der ein-zelnen neutestamentlichen Schriften nachspürte, in dem Gegensatz der judenchristlichenund Paulinischcn Partei den eigentlichen Schlüssel für die Erklärung des Gangesentdeckte, den die Entwickelung des Christenthums bis gegen das Ende des zweitenJahrhunderts genommen hat, in dem Streit und den Vermittelungsversuchen zwischenjenen Parteien, in den verschiedenen Modifikationen ihrer Principien, in der schließ-lichen Vereinigung beider zu einer allgemeinen oder katholischen Kirche und zur gleich-mäßigen Verehrung des menschgcwordcncn göttlichen Wortes (Logos) die allgemeinenGrundzüge jener Entwickelung erkannte, und aus eben dieser kirchlich-theologischenBewegung auch die Entstehung unserer neutestamentlichen Schriften erklärte. Mit ihmbelheiligten sich mehre seiner Schüler, wie Schweglcr („Montanismus", Tüb. 1841,„Nachapostolisches Zeitalter", 2 Bde, Tüb. 1846), und Zeller („Theologische Jahrbü-cher", 4842 fg.), an diesen Untersuchungen. Erhielt aber die Strauß'sche Kritik da-durch auch eine Ergänzung, die ihr Urheber selbst als solche anerkannte, so ist dochgewiß, daß alle diese Forschungen weder in diesem Umfang noch von diesem freienStandpunkt aus angestellt werden konnten, wenn er nicht durch seine Evangelienkritikden Boden dafür erobert hätte. In dogmatischer und religionsphilosophischer Hin-sicht schließt sich an Strauß zunächst Feuerbach an, dessen „Wesen des Christenthums"in vielen Beziehungen als eine Ergänzung der Strauß'schen Dogmatik zu betrachtenist.*) Die Untersuchungen, durch welche Em. Biedermann („Die freie Theologie",Tüb. 1844), und Zeller („Theol. Jahrbücher", 1845) den Begriff der Religion näher zubestimmen versuchten, um durch Unterscheidung ihres ursprünglichen Wesens von derabgeleiteten dogmatischen Reflexionsform den christlich-religiösen Gehalt aus dem Schiff-bruch des dogmatischen Systems zu retten, sind bis jetzt bei dieser Principienfrage stehengeblieben, ohne sich durch den concreten Inhalt der Dogmatik im Einzelnen durchzuführen.Aus allem Angeführten wird erhellen, wie vielseitig anregend die Strauß'sche Kritikgewirkt, wie tief sie in die ganze Geschichte der neuern Theologie eingegriffen hat.

Während Andere in dieser Weise an der Benutzung, Widerlegung und Ent-wickelung seiner Ergebnisse arbeiteten, hatte sich Strauß selbst für mehre Jahre nichtallein von der theologischen, sondern von aller und jeder literarischen Thätigkeit gänz-lich zurückgezogen. Erst vor anderthalb Jahren ließ er sich wieder als Schriftstellerhören, zunächst mit einigen kleinen ästhetischen und biographischen Artikeln in den „Jahr-büchern der Gegenwart", dann mit dem Schriftchen: „Der Romantiker auf dem Throneder Casaren, oder Julian der Abtrünnige" (Manh. 1847). Das Thema dieses Schrist-chens ist eine satirische Parallele zwischen der modernen und der antiken Romantik,

„ Der Verfasser hat uns versprochen, Feuerbach und dessen Schriften in einem besondernArtikel zu behandeln. D Ved.