Band 
Erster Band.
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352
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352 David Friedrich Strauß.

zwischen der Restauration des Heidenthums durch Julian und der Restauration derProtestantischen Orthodoxie durch den gegenwärtigen König von Preußen. Diese Par-allele war natürlich nicht ohne eine gewisse Einseitigkeit möglich; es war nicht schwer,dem Satiriker zu beweisen, was er selbst wußte, daß der Begriff der Romantik denCharakter Julian's weder vollständig noch durchaus richtig bezeichne. Aber Das, wasdas Schristchen wollte, die politische Satire, ist mit so viel Geist und Witz durch-geführt, der historische Stoff ist mit solcher Meisterschaft und Vollständigkeit benutzt,die Vergleichungspunkte sind so überraschend, selbst die leisesten Andeutungen so tref-fend, das Ganze ist in einem so lebendigen und feinen Ton gehalten, daß sich die-ses Schristchen den gelungensten Abschnitten der Strauß'schen Streitschriften würdigzur Seite stellt. Bald darauf theilte Strauß im „Morgenblatt" Einiges aus den an-gedruckten Briefen des schwäbischen Dichters Schubart mit, und bei dieser Gelegen-heit erfuhr man, daß er sich mit der Herausgabe dieser Briefe sowie mit einer Ab-handlung über Schubart selbst beschäftige. Nachdem sich Strauß von der Theologiezurückgezogen hat, scheint sich seine Thätigkeit vorzugsweise der früher von ihm alsLiebhaberei betriebenen Ästhetik zuwenden zu wollen. Indessen war es auch an Schu-bart weniger der Dichter als der Mensch, der jugendlich frische Genosse der deutschenSturm- und Drangperiode, das unvergleichliche gesellige Talent, was ihn anzog,und eben dieser Seite wandte sich noch bestimmter ein Aufsatz über List und Arndtin den „Jahrbüchern der Gegenwartss zu. Es konnte nicht überraschen, wenn Straußnicht allein von der Theologie zur Ästhetik, sondern auch von dieser zur biographi-schen und politischen Publicistik fortging.

Auf diesem Punkt wurde unser Theologe von der Bewegung der Februar - undMärztage ergriffen, und er konnte es sich nicht versagen, auch an dieser durch einigekleinere Aufsätze, die zunächst für das engere würtembergische Publicum des ^Schwä-bischen Mercur" bestimmt waren, sich zu betheiligen. Diese Aufsätze lenkten dieAufmerksamkeit auf seine politische Befähigung und bestärkten die Bürger seinerVaterstadt in dem Gedanken, ihn als Äbgeordneten zum verfassunggebenden Reichs-tag nach Frankfurt zu senden. Äber der religiöse Fanatismus trug auch diesmal überden politischen Verstand und Freisinn den Sieg davon. Die Bauern, welche dieüberwiegende Mehrzahl der Wähler in jenem Bezirk bilden, wurden von den zahl-reichen Pietisten und den meisten Geistlichen der Gegend mit dem beliebten Losungs-wort der Religionsgesahr bearbeitet, und Strauß unterlag einem Pietistischen Fana-tiker, dem Herausgeber eines politischen Blattes, welches seiner Zeit die leipzigerBlutthaten vom August 1843 vertheidigt, welches noch vor wenigen Monaten dieservilste Unterwürfigkeit unter die von Gott verordnete Obrigkeit zugleich mit demglühendsten Haß gegen Andersglaubende gepredigt, dessen Redacteur in einer Wahl-versammlung selbst mit bewundernswerther Offenheit bekannt hatte, daß er die Frei-heit der letzten Monate nicht gewünscht habe, daß er sie aber jetzt, wie jede andereFügung der Vorsehung, sich gefallen lasse. Der Erbitterung über dieses Ergebniß,welche zu Thätlichkeiten gegen den Gewählten zu führen drohte, that Strauß selbstdurch sein persönliches Erscheinen in einer Volksversammlung Einhalt. Die Reden,welche er theils bei dieser Gelegenheit, theils vorher, in verschiedenen Wahlversamm-lungen, gehalten hatte, wahre Muster von Popularität, erschienen unter dem Titel:„Sechs theologisch-politische Volksreden" (Stuttg. 1848). Ihn selbst entschädigtenseine ludwigsburger Mitbürger, so gut sie es vermochten, indem sie ihn mit einer anEinstimmigkeit grenzenden Mehrheit zum Abgeordneten ihrer Stadt für den würtem-bergischen Landtag erwählten. Daß sein Talent und seine Beredtsamkeit für die wich-tigste Angelegenheit des deutschen Volkes verloren sein soll, und daß der religwstFanatismus und die politische Unbildung von diesem Verluste die Schuld tragen, istnicht genug zu beklagen.