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Die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in Deutschland.
Die Ursache der neuesten Judenverfolgungen.
Die bürgerlichen Verhältnisse der Juden find in neuester Zeit merkwürdigerweisenach entgegengesetzten Richtungen hin in Frage gestellt. Auf der einen Seite hörtman den Ruf nach vollständiger Emancipation der Juden; auf der andern sieht manin verschiedenen Theilen Deutschlands, man sieht auch anderwärts Judenverfolgungenausbrechen, die an die barbarischen Ausbrüche mittelalterlicher Roheit erinnern. In-dessen sind gewisse Unterschiede zwischen Jetzt und Ehemals allerdings sogleich zu be-merken. Es ist jetzt in der Regel nicht der religiöse Fanatismus, welcher die Massegegen die Juden aufstachelt; vielmehr ist es in unserer Zeit die theilweise Wohlha-benheit und besondere Erwerbsgeschäftigkeit der Juden, die ihnen die Angriffe dieserStände auf den Hals zieht, welche sich durch solche Geschäftigkeit benachtheiligt füh-len. Ein Fortschritt ist mithin insofern gemacht, als das Motiv der Anfeindung einweniger allgemeines, als es ein verzeihlicheres ist. Nicht, als ob heutzutage beimgemeinen Mann das religiöse Moment ganz in den ausgebrochenen Verfolgungenfehlte! — es tritt sogar hier und da in den Vordergrund. Allei» die große Mehr-zahl der Staatsangehörigen, vor allem die Stände, welche sich einer sorgsamernJugendbildung erfreuen, sind weit entfernt, solche Wuthausbrüchc gegen die Judenzu billigen oder gar daran theilzunehmen. Im Gegentheil haben diese Classen derGesellschaft seit längerer Zeit mit wachsendem Eifer auf Gleichstellung der Judenund Christen in den bürgerlichen Rechten gedrungen. Gerade der Hauptgrund dermittelalterlichen Judenverfolgungen, die unbefugte Oberherrschaft der Kirche über denStaat, die bereitwillig anerkannte Einmischung der geistlichen Macht in die weltlichenDinge, ist Hinweggefallen. Mag auch in den untern Schichten der Gesellschaft nochimmer ein Rest jener politischen Unmündigkeit stecken und nicht selten von christlichenPriestern und Solchen, die in deren Bann sind oder mit ihrer Hülfe anderweitigeZwecke durchzusetzen wünschen, noch genährt werden, so kann dies doch nur als Über-bleibsel eines überwundenen Bildungsstadiums gelten, das in der Zersetzung begriffenund in keinem Fall mehr im Stande ist, die Geltung einer grundsätzlichen Machtzu erringen. Der Grundsatz der Trennung zwischen kirchlicher und politischer Ord-nung ist festgestellt; denn wenn ein jetzt gestürztes Regierungssystem noch in jüngsterZeit sich alle Mühe gegeben hat, die von der Zeit verurtheilte Theorie vom christ-lichen Staat im Leben durchzuführen, so geschah dies nur im schneidenden Wider-spruch mit der herrschenden Bildung, und Jedermann fühlt sich froh, von diesemAlp wie von andern Plagegeistern, hoffentlich dauernd, erlöst zu sein.
Es darf also jetzt als anerkannter Grundsatz betrachtet werden, daß der Staatnicht nur nicht in Elaubenssachen sich einzumischen, sondern daß er auch nach denreligiösen Bekenntnissen seiner Angehörigen nur soweit zu fragen hat, ob sie nichtsseiner eigenen sittlichen Grundlage Widersprechendes enthalten, daß er, das Nichtvor-handensein eines solchen Widerspruchs vorausgesetzt, keinerlei Rechte seiner Bürgervon einem bestimmten Glaubensbekenntniß abhängig machen, Niemand um seinesGlaubens willen zurücksetzen darf, daß er vielmehr in Ansehung der Gewährung bür-gerlicher Rechte lediglich nach dem Grundsatz handeln muß, daß gleiche Pflichtenauch gleiche Rechte bedingen. Die Idee der Humanität, welche die Heroen unserergroßen Literaturepoche so eifrig und so glänzend verfochten, hat uns wirklich mensch-«cher gemacht. Wir haben in unsere Bildung Elemente aufgenommen, die geradevon Zierden der jüdischen Nation (Spinoza, Moses Mendelssohn) vorzugsweise gepflegtwurden. Wir haben in Lcssing's „Nathan" ein unvergängliches, lebendiges Sinnbildjener Humanitätsidee erhalten, die eben in einem Juden verkörpert erscheint. Wirhaben seitdem in Kunst und Wissenschaft eine Reihe von ausgezeichneten Männernjüdischer Abkunft sich hervorthun sehen, denen wir unsere Verehrung und Liebe nichtNie Gegenwart. I. 23