416 Die Familie Cavaignac.
sentanten unterstützt, denen der Präsident Senard, in Übereinstimmung mit dem Chefder Exekutivgewalt, die Richtungen anwies, die sie einschlagen mußten. Aber wiekonnte man in so wenigen Augenblicken die Masse der Unglücklichen enttäuschen,welche hinter ihren Barrikaden verschanzt standen und jeden Augenblick immer tieferin den Abgrund blinder Leidenschaft von schlauen Rädelsführern hinabgezogen wurden!Gräßliche Gerüchte waren unter den Insurgenten ausgesprengt worden. Man schrieihnen beständig zu: „Wehrt euch, wehrt euch bis aufs äußerste; denn, wenn ihr euch ^ergebt, werdet ihr ohne weiteres niedergemetzelt." Um diese fürchterlichen Verlernn- !düngen über den Haufen zu'werfen, sandten der Präsident Senard und der Genera!Cavaignac, die in jenen schaudervollen Tagen mit vereintem Muthe handelten, aber- -mals folgende Proklamation an die Arbeiter: „Arbeiter, und ihr Alle, die ihr nochdie Waffen gegen die Republik aufgehoben haltet, zum letzten mal im Namen vonAllem,-was es für den Menschen Ehrwürdiges, Heiliges und Edles gibt — legteuere Waffen nieder! Die Nationalversammlung, die ganze Nation bittet euch darum.Man sagt euch: fürchterliche Rache wartet euer! So sprechen euere Feinde, dieunseligen! Man sagt euch: ihr werdet kaltblütig hingeschlachtet werden! Kommtzu uns als reuige, unterwürfige Brüder, und die Arme der Republik sind bereit,euch aufzunehmen." Diese Proklamation ward hinter die Barrikaden geworfen ^
und nichts von den wahrhaft menschlichen Machthabern gespart, um das Blutver- ^
gießen einzuhalten. Auch am 25. Juni fuhr der Chef der Exekutivgewalt fort, mitunermüdlichem Eifer und Kraftaufwand alle von den Umständen gebotenen Maßre- ^geln zu ergreifen. Er richtete folgende neue Proklamation an die Nationalgarde, ^um dieselbe zu neuen Anstrengungen anzufeuern: „Jeder bleibe an seinem Posten, !
und heute ist der Aufruhr gedämpft. Truppenverstärkungen aus der Provinz rücken I
an; Leute, Munitionen, Lebensmittel, nichts fehlt." Gleichzeitig schrieb er denMaires lvor, auf der Stelle jeden Nationalgardisten zu entwaffnen, der ohne triftigen Grund !
beim Ausruf fehle, und decretirte, daß Jeder, der an Errichtung von Barrikadenarbeite, angesehen werden solle, als sei er mit den Waffen in der Hand ergrif-fen worden.
So viel Eifer, so viele Anstrengungen, von einer dreifachen Truppenmacht, vonder Nationalgarde, der Linie und Mobilgarde, unterstützt, sollten nicht erfolglos blei-ben. „Bürger, Soldaten", ruft am Morgen des 26. Juni der General Cavaignac,dessen patriotisches Herz alle Phasen und Krisen dieses ewig beklagenswerthen Kam-pfes mit zerreißenden Schmerzen durchbebte, den Truppen zu, „euch danken wir es,daß der Aufruhr im Erlöschen ist. Dieser sociale Krieg, dieser gottlose Krieg, dergegen uns geführt wird, geht zu Ende. Seit gestern haben wir nichts unterlassen,die Überreste jener von Frevlern verleiteten, angeführten und aufgehetzten Volksmengeeines Bessern zu belehren. Ein letzter Kraftaufwand, und das Vaterland, die Re-publik, die ganze Gesellschaft sind gerettet. Ordnung und Aussicht müssen allent-halben wiederhergestellt werden; Maßregeln sind genommen, daß die Gerechtigkeit inihrem Verlaufe gesichert sei. Einen Abscheu treffe jede Handlung, die darauf aus-geht, die Gerechtigkeit zu entwaffnen. Leidet nicht, daß der Sieg der Ordnung, derFreiheit, kurz der Republik die Losung werde zu Wiedervergeltungen, wogegen euereHerzen sich sträuben!" Diese letzten Zeilen waren besonders charakteristisch für dasWesen der zur Wiederherstellung der Ordnung ergriffenen Maßregeln und ebensoehrenvoll für den Menschen als für den Soldaten. Aber neben den Eingebungender Humanität und Staatsklugheit drängten sich dem General auch die gewaltigen,unerschütterlichen Eingebungen der Amtspflicht auf. In der Nacht vom 25. aufden 26. Juni hatten die Insurgenten dem Präsidenten Senard und dem GeneralCavaignac ein Ansuchen zukommen lassen, welches völlige Amnestie zur Bedingung derUnterwerfung machte. Beide Männer erwiderten, jener Antrag sei ein Hohn. Ca-vaignac fügte noch hinzu, er könne nur das Eine anhören: unbedingte Unterwerfung >sonst müßte er Alles ablehnen, und man solle sich nicht weiter bemühen. Er ertheiltehierauf seine letzten Befehle, nach welchen der Faubourg Saint-Antoine aus zwei