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Erster Band.
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Die Familie Cavaignac.

verschiedenen Punkten zugleich angegriffen werden sollte, und diese Anordnung hatteganz den erwarteten Erfolg. Cavaignac verkündigte am 26. gegen 1 /r Uhr der Be-völkerung von Paris seinen schweren Sieg in folgenden Worten: „Der FaubourgSaint-Antoine, der letzte Widerstandspunkt, ist eingenommen. Die Insurgenten sindüberwunden, der Kampf ist zu Ende, die Ordnung hat über die Anarchie gesiegt."

Als der brudermörderische Krieg vorbei war, gebührte es dem Chef der Executiv-gewalt große und schöne Worte vernehmen zu lassen. Eine zweite Proclamation an dieNationalgarde und die Armee lautete: „Bürger, Soldaten! Die heilige Sache derRepublik hat gesiegt, cuere Aufopferung, euer unerschütterlicher Muth haben sträflicheAbsichten vereitelt, verderbliche Irrthümer gerichtet. Im Namen des Vaterlands,im Namen der ganzen gebildeten Menschheit habt Dank für eure Anstrengungen,seid gesegnet für diesen nothwendigen Sieg. Diesen Morgen noch war die Hitze desKampfes gerecht, unvermeidlich. Jetzt seid so groß in der Ruhe, als ihr es imStreit gewesen seid. Ich sehe in Paris Sieger, Besiegte; mein Name bleibe ver-flucht, wenn ich zugebe, dort Schlachtopfer zu sehen. Die Gerechtigkeit soll ihrenLauf haben; sie handle; das ist eure Gesinnung, die meinige. Im Begriff wiederin den Stand eines einfachen Bürgers zurückzukehren, bringe ich in eure Mitte dasBürgerbewußtsein mit, in dieser großen Prüfung der Freiheit blos Das genommenzu haben, was das Heil der Republik foderte, und ein Beispiel zu lassen für Jeden,der seinerseits zur Erfüllung so großer Pflichten berufen werden kann." Diese Worteverrathen den Anklang antiker Große; aber es weht darin noch mehr als der Geistder römischen Bürgertugend: es weht darin der moderne Geist der Humanität. Sohat außer Washington wol nie ein Dictator gesprochen.

Cavaignac ist 45 Jahr und etliche Monate alt. Er imponirt weder durch seineGestalt noch durch seine Miene, flößt aber durch das höchst Einfache und Unge-zwungene seines Wesens Hochachtung ein. Er hat die ruhige und sichere Haltungeines Generals en Chef, aber nicht die heroische eines Königs. Man sieht in ihmden Imperator, nicht den Cäsar; er erscheint als der Mann der Arbeit, der Daswas er ist durch sich selber ist. Von Natur hat er eine schlanke, nervige Gestalt,m allen ihren Theilen übereinstimmend, und einen scharf ausgeprägten Kopf. Einefreie Stirn, große, schwarze, herrschende Augen mit unauslöschlichem, ruhigem Feuer,eine schöne Adlernase und ein fester Mund, ein weißer Teint, der nicht kränkelndeBläffe ist, ein braunes Haupt- und Barthaar — machen ihn zu einer sehr interes-santen Erscheinung. Er besitzt in seinem Äußern, in seinem Charakter und in seinerRede ein zugleich militairisches und bürgerliches Aussehen, ein sehr reelles Gemischvon Strenge und Güte, von Energie und Milde, von Kälte und Leutseligkeit. SeineRede ist stets fließend und gewöhnlich ohne Das, was die Franzosen vervs nennen,jedoch voll verborgener Wärme, die den Zuhörer allmälig ergreift, bisweilen aber voneinem Feuer, das sich selbst vergißt und Andere entflammt. Der Zustand seiner Ge-sundheit scheint besser als man allgemein sagt. Sein rascher Gang, sein gewandtesSchwingen aufs Pferd hat nichts von dem Erschöpften, Schwerfälligen und Schlep-penden eines von Kränklichkeit und Körperanstrengungen ermatteten Körpers, wieman den seinigen zu beschreiben pflegt. Sein Körper ist mager, der Muskelbauaber zeugt von einem straffen Nervensystem. Als bemerkenswerther Umstand erscheint,daß der General Cavaignac zugleich der Sohn eines als Königsmorder verbanntenConventsmitgliedes und einer aus altem, adeligem Hause Herstammenden Mutter, derBruder des radicalen Republikaners Godefroy Cavaignac und der Neffe des Expairsund Generallieutenants Cavaignac ist. Durch seine Geburt, Stellung und Gesin-nung grenzt er also an alle Classen der Gesellschaft und alle Nuancen der politischenTagsmeinungen. Er ist unverheirathet und nicht reich, aber in unabhängigen Ver»mogensverhältnissen. Er bewohnt jetzt mit seiner Mutter in der Rue de Varennes,im Faubourg Saint-Germain, ein prächtiges Herrenhaus, das vormalige Hotel derletzten Herzogin von Bourbon, welches sonst der Madame Adelaide gehörte. EsDie Gegenwart, l. 27