418 Die Familie Cavaignac.
wurde von Brongniart gebaut und ficht in einem schönen Garten, mit einer langenBaumallee, welche die Auffahrt bildet und sich bis zur Rue de Babylone hin er-streckt. Eine Ehrenwache von einigen hundert Mann zu Fuß und zu Pferde bewachtdas Hotel und bewohnt nahegelegene Kasernen. Vor dem Eingang zum Hotel istein starker Linienposten, welcher von dem auf der benachbarten Esplanade der In-validen errichteten Lager besetzt wird.
Das Privatleben Cavaignac's, wenn man ein dem Staate ganz gewidmetesLeben so nennen kann, ist echt republikanisch und äußerst einfach, aber voll Müheund übermäßiger Anstrengung. Die große Last von Staatsgeschäften läßt ihm we-nige Erholungsstunden. Sein ganzer Tag ist eine ununterbrochene Arbeitsstunde,und wenn er, nach Endigung seiner Geschäfte, am Abend einen gewählten Cirkel vonFreunden und Fremden um sich sieht, so geschieht das in seinen Wohnzimmern, ohnePrunk und höfische Förmlichkeiten. Er ist ein Feind der Intrigue und des aus-schweifenden Ehrgeizes. Er liebt eine spartanisch strenge Sittlichkeit. Etwas arg-wöhnisch zeigt er sich gegen noch nicht geprüfte Menschen; er ist darum zurückhaltendund nicht immer mittheilend, bei einem sonst lebhaften Charakter. Seine nahem iFreunde rühmen seine geselligen Tugenden. Vertraute, die man Favoriten zu nennenpflegt, hat er nicht; er leidet selbst nicht den Schein eines besondern Einflusses aufihn. Seine Mutter, die er innigst liebt, würde Alles über ihn vermögen, soll aberkeinen Gebrauch von ihrer Gewalt machen. Madame Cavaignac hat sich vermuth-lich jetzt, wo sie Dictatorin-Mutter ist und Ministern und fremden Gesandten Au-dienzen gibt, mit der Republik ausgesöhnt, auf die sie sonst, wie schon bemerkt, nichtgut zu sprechen war. Die tägliche Mittagstafel besteht in einem Dutzend Couverts;die gewöhnliche Gesellschaft bilden höhere Offiziere und Regierungsbeamte. Zuweilenwerden auch Stabsoffiziere und Freunde oder Freundinnen der Familie zur Tafelgeladen. Die Bewirthung ist nicht sehr ausgesucht, aber gut. Cavaignac spielt da-bei mehr die Rolle des Gastes als des Wirths, und überläßt seiner Mutter dieHonneurs. Wer mit dem Chef der Exekutivgewalt persönlich bekannt ist, erhält vonihm eine zierliche kleine Karte, mit den gedruckten Worten: Uaissor pussor lo ci-to^sn...., und die Cavaignac eigenhändig unterschrieben hat. Diese Karte öffnetden Weg durch alle Wachen bei gewöhnlichen wie bei außergewöhnlichen Gelegen-heiten. Die regelmäßigen Audienzen, welche Cavaignac gibt, haben das Anseheneinfacher Würde und republikanischer Awanglosigkeit. Glänzender sind die großenReceptionen, wozu ein sehr starker Andrang ist. Bei diesen Empfangsfeierlichkeiten,wo alle andern Generale und Staatsbeamte in reicher Gallauniform, und die Ge-sandten, wie vordem an Hoftagen, in vollem Staate, mit allen ihren Sternen undOrden decorirt erscheinen, sieht man den Chef der Exekutivgewalt so einfach bürger-lich gekleidet, wie man ihn durchweg bei öffentlichen Gelegenheiten erblickt: in schwar-zem Frack, mit dem Bande der Ehrenlegion im Knopfloch. Nur bei Paraden undRevuen trägt er seine Generalsuniform. Wo und wie er aber erscheinen mag, ziehter alle Blicke aus sich, die in seinem braven, offenen, loyalen und männlichen Ge-sicht, voll Entschlossenheit und Festigkeit mit einem leisen Anfing von Wchmuth, dasGeheimniß der Zukunft zu lesen suchen.
Unter den Socialisten, sowie unter dem gemeinen Volk, hat Cavaignac einestarke Partei gegen sich und erbitterte Feinde. Weiber des Faubourg Saint-Antoine,heißt es, tragen rachedürstcnd noch die Kugel- und Kartätschenstücke an ihrem Bu-sen, womit ihre Männer oder Söhne in den Zunitagen getödtet wurden. So wenignun Cavaignac für das Blut verantwortlich gemacht werden kann, das bei jenemgefährlichen Volksaufruhr, von dessen schneller Stillung Alles abhing, vergossenwurde, so scheint er bei der dadurch veranlaßten Erbitterung des Pöbels doch selbstdas Bedenkliche seiner Lage zu fürchten, und sein Hauptaugenmerk darauf zu richten,wie er die gereizte Stimmung der Massen, zumal in den von jeher verwildertenVorstädten Saint-Antoine und Saint-Marceau, beschwichtigen könne. Wiewol aberCavaignac, seitdem er Chef der Exekutivgewalt ist, den grimmigsten Haß aller soeia»