Band 
Erster Band.
Seite
422
JPEG-Download
 

422 Die Mainzer Vorgänge vom Mai 1848.

sein Tage noch durch einige bei ihm in Gunst stehende Redner beschwichtigen; ästaber die Deputation, welche mit der Adresse nach Darmstadt geeilt war, am Abenddes 2. März zurückkehrte, ohne genügenden Bescheid zu bringen, erfolgte mit Blitzes-schnelle ein zweiter Auflauf. Zwar hatte der Eine der Mainzer Abgeordneten, Zitz,ein seitdem vielgenannter Name, den Überbringern der Adresse feierlich versprochen,mit Gut und Blut für die Erfüllung der Wünsche und Federungen der Rheinhessenzu arbeiten; der andere Abgeordnete aber, ein früher seines Freisinns wegen hoch-geachteter, den Bestrebungen der jüngsten Zeit aber nicht mehr gewachsener Mann,hatte sich geweigert, sie anzunehmen. Gegen diesen oder vielmehr gegen dessen Woh-nung richtete sich deshalb die Wuth der Volksmassen. Da man einmal mit demZertrümmern der Läden und Fenster begonnen hatte, so zog die Menge lärmendweiter und verübte denselben Unfug an dem Regierungsgebäude, dem Steuerbarem!und dem Stadthause, bis endlich ein Theil der Garnison zur Unterstützung der nichtausreichenden Polizeimannschaft und Gendarmerie ausrückte und durch starke Cava-lerie- und Jnfanteriepatrouillen, die sich nur hier und da etwas zu schroff gegengleichgültige Zuschauer benahmen, die Ruhe herstellte. Diese war jedoch, wie jederdie Verhältnisse tiefer Durchschauende sich leicht überzeugen konnte, nur scheinbar, undder am folgenden Tag durch den Gemeinderath auf die Vorstellungen einsichtsvollerMänner gefaßte Entschluß, sich, um großes Unheil von der Stadt abzuwenden, selbstan die Spitze der Bewegung zu stellen, verdient gewiß die Anerkennung, welche ßevon allen Seiten fand. In einer von vielen Tausenden besuchten Volksversammlung,welche am 8. März in der Fruchthalle unter dem Vorsitz des Bürgermeisters abge-halten wurde, billigte man im Wesentlichen alle Punkte der frühern Adresse undfaßte einstimmig den Beschluß, daß sie von der ganzen Bürgerschaft unterzeichnetund am folgenden Morgen von dem Stadtvorstande selbst nach der Residenz gebrachtwerden solle. Zugleich bildete sich durch freiwilligen Beitritt aus der jüngern Bür-gerschaft eine Sicherheitswache, um die Polizei zu übernehmen und fernere Angriffeauf Eigenthum und Personen zu verhindern, was ihr auch, obgleich sie nicht mitWaffen, sondern nur mit einer weißen Binde am linken Arm als Erkennungszeichenversehen war, bis zu jenem Zeitpunkte gelang, wo sie, durch muthwillige Angriffeund unverdienten Hohn von Seiten einzelner Soldaten der preußischen Garnison un-willig gemacht, ihren undankbaren Dienst der unterdessen organisirten bewaffnetenBürgerwehr überließ.

Auch die zweite Deputation der Stadt kam ohne genügende Entscheidung am4. März aus der Residenz zurück. Noch an demselben Abend wurde in einer sehrstürmischen Volksversammlung, in welcher auch ein Bürgcrcomite, das sich zu ferne-rer Leitung der Angelegenheiten constituirt hatte, seine Bestätigung erhielt, beschlossen,der Regierung noch drei Fristtage zu gewähren, alsdann aber in Verbindung mitder ganzen Provinz nach Darmstadt aufzubrechen, um dort die erfolglos gebliebenenPetitionen „persönlich zu unterstützen". Auch die am folgenden Tage sich verbrei-tende Kunde, daß der Landesherr, durch sein weitvorgerücktes Alter bewogen, denErbgroßherzog zum Mitregenten angenommen und an die Stelle des seitherigenStaatsministers du Thil der als wackerer Kämpfer für Wahrheit und Recht längstvon allen Rheinhessen hochgeachtete Heinrich v. Gagern getreten sei, konnte, da da-durch den Federungen keine Genüge geleistet war, den nach reiflicher Überlegung ge-faßten Entschluß nicht wankend machen. Erst als der Erlaß des Mitregenten, worindie Erfüllung aller Federungen feierlichst zugesagt wurde, am Abend des'6. Marjunter endlosem Jubel einer aus vielen Tausenden bestehenden Volksmasse von demBalcon des Theaters durch den Deputirten Zitz verkündet worden war, stand manvorerst von dem Zuge nach Darmstadt ab, unN bewog die bereits auf dem Marschebefindlichen bewaffneten Scharen, nach der Heimat zurückzukehren. Manche konn-ten dazu nicht ohne Mühe bewogen werden, da sie an der Verwirklichung der gege-benen Versprechungen einen nicht zu überwältigenden Zweifel hegten. Nur Zitz ge-bührt das Verdienst, das fürchterlich aufgeregte Volk beruhigt und das Zusammen-