Band 
Vierter Band.
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Königsberg. 487

einem erhöhten Orte aus die Aufsicht über das Ganze, kündigte die Vortragendenan und die Themen, über welche verhandelt werden sollte, leitete die eigentliche De-batte, und hatte dabei auch auf eine gründliche Durchführung des in Rede stehendenThema zu sehen. Zeder Versammlungsabend ward mit einem musikalischem Vor-trage, Gesang oder Instrumentalmusik, eröffnet; dann erfolgte die Mittheilung deseinen oder andern Gedichts. Hierauf begannen die Vortrage in ungebundener Rede,höchstens zwei für jeden Abend, nicht von zu großer Ausdehnung: „selbständige,freie Vortrage und Vorlesungen, und zwar über geographische, geschichtliche, natur-wissenschaftliche, technologische Gegenstände." Man konnte nicht behaupten, daß dieGesellschaft politische Zwecke im engern Sinne verfolgte; aber es war natürlich, daßGeographie und Geschichte, wie am Ende jede humane Wissenschaft und Thätigkeit,auch die politischen Fragen als Ingrediens umfaßten. Nach den Vortragen wurdedie „Debatte" eröffnet; sie erwies sich als die Glanzseite der Bürgergesellschaft,und hat ohne Zweifel einen weitreichenden Einfluß ausgeübt. Zum Behufe derDebatte war die Anordnung getroffen, daß im Laufe jeder Woche bestimmt for-mulirte Fragen in einen Kasten geworfen wurden, die dann den Gegenstand derDiscussion bildeten. Nach dem Schlüsse der Debatte ging man endlich zur freienKonversation über, womit aber schon ein Theil der Versammlung das Local verließ,sodaß nun Raum für das Gespräch in engerm Kreise und die individuelle Unterhal-tung gewonnen ward.

Aus dem ganzen Komplex dieses geselligen Verkehrs tritt, wie schon bemerkt,die Debatte als das bedeutendste Moment hervor, wie sie dies ja im Elemente desSocialen schon an sich ist. Die Debatte bringt durch das lebendige Wort den Geistdes Einzelnen zur öffentlichen Anschauung, Anerkennung und Vermittelung, und so.entwickelt, bildet und manifestirt sich in ihr auch in der That erst der Geist derGesammtheit. In der Debatte tritt das freie Individuum hinaus in den Kampf mitden andern Individualitäten, und erfährt in dem Conflicte, ob und inwieweit seininnerer Gehalt sich gegen die andern individuellen Mächte, die ihm entgegentreten, be-haupten kann, oder ob er sich ihnen zu unterwerfen und mit ihnen auszusöhnenhat. So bewirkte die Debatte in der Bürgerversammlung ebenfalls, daß in ihr dieVerschiedenen Richtungen, oder, wenn man will, Parteien, an das Licht traten. Esbildete sich, ungeachtet des äußern Durcheinander dieser zahlreichen Versammlung,nach parlamentarischem Sprachgebrauch, eine Mitte, zu der meist die ältern Gelehr-ten und Kaufleute gehörten, doch immer eine tüchtige Freisinnigkeit kundgebend. DieRechte umfaßte vvrnämlich die ältern Meister des Handwerks; zur Linken konnte manViele der jungem Gelehrten, Künstler, Kaufleute und Handwerker rechnen. Ausder Wiederkehr dieser dreifach sich kreuzenden Opposition nun arbeitete sich die allge-meine Ansicht, die Gesammtüberzeugung und das sittliche Hochgefühl des Ganzenhervor. Dabei offenbarte sich in den Reihen dieser schlichten Männer eine Redege-walt, eine Fassungskraft und eine Gediegenheit des Urtheils, die wahrhaft in Er-staunen setzen mußte, zumal es damals gewöhnlich war, das Talent und die Bildungim Volke zu leugnen. Ebenso war die parlamentarische Ordnung und Eeschicklichkeitim Ganzen zu bewundern, die sich in dieser 1VV0—1200 Personen umfassendenGesellschaft kundgab, obwol die Praxis dafür Jedermann abging, und das damaligeöffentliche Leben gar keine Gelegenheit bot, nur irgend eine Übung im Parlamenta-rischen zu erlangen.

Die Fragen, die in der Bürgergesellschaft zur Discussion gelangten, warenaus Vorsicht sehr unverfänglich gestellt, doch immer so, daß sich dem Gegenstände.möglicherweise eine auf die Zeitverhältnisse gerichtete Ausführung abgewinnen ließ.So stellte man z. B. die Fragen auf: Wird es zum Aufbau einer Bürgerhallekommen oder nicht? Wie sollen, ohne Zwang auszuüben, Vortrage verhindert wer-den, welche das weitere Bestehen der Gesellschaft gefährden? Wie soll man denheftigen Angriffen begegnen,, welche in verschiedenen Tagesblättern gegen die Bürgergemacht werden? Welches Verhältniß hat die Bürgergesellschaft zum hiesigen Cen-