Band 
Vierter Band.
Seite
488
JPEG-Download
 

488 Königsberg.

tralverein für Unterstützung der Arbeiter, und wie kommt es, daß dieser Verein ssviele Gegner findet? Sollen politische Vortrage auS unsern Versammlungen ganzausgeschlossen sein und weshalb? Die meisten solcher Fragen wurden mit Gründ-lichkeit und Geschicklichkeit, nicht selten mit einer echt parlamentarischen Dialektik be-handelt; die Discusfion langte durch alles Für und Wider, durch ein wahres Laby-rinth von Kreuz- und Querwendungen gewöhnlich bei einem erfreulichen Ergebnißan. Um davon einen Beweis zu geben, wollen wir nur die Debatten über die bei-den letzten Fragen kurz skizziren. Die Frage rücksichtlich des Centralvcreins ging aufeine Erscheinung ein, die für das weitere sociale Königsberg anfangs von Wichtigkeitzu werden schien. Es hatte sich nämlich, offenbar durch eine Rivalität mit der da-mals so populair gewordenen Bürgergesellschaft hervorgerufen, unter einigen Män-nern, meist höher» Beamten, der Plan gebildet, eine Gesellschaft zu stiften, welchesteh der nothleidenden Arbeiterklasse annehmen sollte. Dieser Plan wurde, wie eSschien, ganz besonders von den Behörden begünstigt. Es trat auch ein Verein zu-sammen, der aber nur vorerst aus dem Vorstände bestand. Man' hielt öffentlicheBerathungen über die Ausführung jenes Vorhabens. Man wollte die Stimmungdarüber kennen lernen, Mitglieder gewinnen. Einige hegten im Stillen wol dieHoffnung, durch diese Gegenunternehmung, wenn Viele ihr beiträten, die Gesellschaftder Bürger zu sprengen. Noch dazu galt es einem so wohlthätigen Zweck, den manallenfalls, wenn man durchaus wollte, auch als einen socialen bezeichnen konnte. Dieersten Versammlungen für dieses Unternehmen waren sehr unglücklich ausgefallen:es fanden sich nur wenige Interessenten, und man erfuhr stürmische Gegenbemerkun-gen. Über dieses noch schwebende Unternehmen ging nun eben die Discusfion in derBürgergescllschaft vor sich.

Der Präsident warnte nach dem Verlesen der Frage vor einem zu schnellenAbsprechen über den in Rede stehenden Centralverein, da die Berathungen über dieBildung und die specielle Thätigkeit desselben.immer noch stattfänden; auch, setzte erklug hinzu, sei Niemand unter den Anwesenden im Stande, hinreichende Auskunftdarüber zu geben, er müßte denn selbst bei den Berathungen jenes Vereins zugegengewesen sein. Auf die unter solcher Bedingung erlassene Auffoderung zur Debattemeldete sich ein Sprecher, der dem Präsidenten beipflichtete, aber zugleich erklärte:er wäre bei jenen Berathungen zugegen gewesen. Was das Verhältniß der Bür-gergesellschast zu dem Centralverein betreffe, fuhr er fort, so sei der große Unterschiedzwischen beiden der, daß sich die Bürgergesellschaft auf ein freies, geselliges Ein-verständniß ohne bindende Paragraphen, aus gegenseitiges Vertrauen ohne allesWeitere gründe, jener Verein dagegen auf Statuten, die Zeder annehmen müsse,wenn er Mitglied werden wolle. Daher auch der Vorstand des Vereins diesemgegenüber eine allein gesetzgebende Macht vorstelle, wogegen der Vorstand der Bür-ger, mit Einschluß des Präsidenten, nur mit den Bürgern zusammen etwas beschlie-ßen dürfe. Der Centralverein sei demnach absolut-monarchisch, die Bürgergesellschaftsocial-constitutionell. Ihre Constitution sei die lebendige, sich forterzeugende und er-haltende Sitte und Ordnung, sowie die Freiheit, daß hier Jeder seine Ansicht äußerndürfe, und somit gesetzgebend.für die Gesellschaft werden könne. Ebenso gehen, be-merkte der Redner weiter, beide, Centralverein und Bürgergesellschaft, in ihremZweck weitauseinander. Der Centralverein wolle die arbeitende Classe unterstützen.Die Leute aber, die er Arbeiter zu nennen beliebe, wären nicht Mitglieder des Ver-eins: folglich habe er seinen Zweck außerhalb seiner selbst. Die Bürgergesellschaftdagegen habe gar nicht den ausgesprochenen Zweck, irgcndwen zu unterstützen.Eine solche Unterstützung der Armen verstände sich bei jedem wackern Bürger vonselbst. Diese Wackerheit der Gesinnung wolle aber eben die Bürgergesellschaft auf jedeWeise in ihren Mitgliedern fördern, und zwar dadurch, daß sie die gegenseitige Bil-dung durch alles Das zu bewirken sich bemühe, was hier vorgenommen werde. Einwahrhaft gebildeter Mensch sei immer auch ein Wohlthäter der Armen. Mittelbarwirke daher auch die Bürgergesellschaft für die Armen, unmittelbar sei ihr Zweck die