Königsberg. 495
Element, denn Sie wissen, ich bin Holzhändler, und der Wald, das Holz, ist meinRevier. Ich kann den Himmel nur preisen, daß er es so fügen wollte, daß dieBürgervcrsammlungen in der Stadt, unter Dach und Fach, verboten worden sind.So habe ich doch die Ehre, heute und recht oft den Wirth vor Ihnen hier zu ma-chen. Ich heiße Sie also willkommen und abermals willkommen in diesem meinemschönen Revier des Waldes, im Gemeindegarten der Natur, aus dem uns Niemandvertreiben darf!" Mit lautem Beifall wurde der Redner begleitet. Unter den Vor-gängen von besonderer Bedeutung in diesen Volksversammlungen erwähnen wir nureiner Adresse an die Herren von Jhstein und Hecker, um ihnen bei Gelegenheit ihrerVerweisung aus Berlin das Beileid der königsberger Bürger zu bezeigen. Auchward eine Lustfahrt der Bürger nach Pillau beschlossen, einem Städtchen an derOstsee, und auf Dampfschiffen auch ausgeführt. Diese Fahrt war deshalb für diesocialen Ereignisse der damaligen Zeit von Bedeutung, weil die frühere Bürgergesell-schaft hier außerhalb der Stadt wieder einmal sich ganz in ihrer sonstigen Weiseorganisirte, um wenigstens einen Tag nach altem Brauche zu verleben. Noch dazutraf sie mit den noch nicht aufgehobenen Bürgergesellschasten Fischhausens, Brauns-bergs, Elbings an dem genannten Orte zusammen, sodaß dieses Fest fast einen impo-santen Charakter erhielt.
Die Würde und Haltung des alten Bürgerthums aus dem Gemeindegartenwar no'ch immer die Schranke, wodurch auch in den Massen zu Böttchershöfchen dieeigentliche Zügellosigkeit abgehalten wurde. Die Debatte, die früher das Hauptbil-dungsmittel für das sociale Interesse gewesen, hatte ganz aufgehört: man begnügtesich mit Reden, mit dem Vortrage von Gedichten und sonstigen Publicationen. Manwar im Ganzen wegen der Zukunft guter Dinge. Man fragte sich zwar, wie eszur Zeit des herannahenden Herbstes wol werden solle, da die fernern Versammlun-! gen in bunter Menge in der Stadt schwerlich geduldet werden dürften. Doch schlugman es sich aus dem Sinne, und meinte, das wahre Bedürfniß werde auch für einsociales Zusammenleben neue Formen produciren. Hatten die Vortrage ihr Endeerreicht, so zog man unter Gesang bis an das Stadtthor, wo sich dann die Massen> allmälig zerstreuten, und, ihren Führern gehorchend, wirklich eine bewundernswürdigel Ruhe und Ordnung beobachteten. Freilich, trotz dieses guten Humors, trotz dieser
! Ruhe und Ordnung hatten sich diese Zeiten schon bedeutend entfernt von dem guten, Geschmack des frühern Eehabens in der Bürgergesellschaft. In der Stadt selbst (eswar die Zeit, wo die kirchlichen Zwiste in volle Blüte traten) störte bereits dasi Demonstrationswesen, oft ohne Charakter und sittlichen Halt, ein freies, unbefangenesund humanes sociales Zusammenwirken. Indessen bethätigte sich doch die Zähigkeitund Unverwüstlichkeit der socialen Tendenz im Bürgerthume. Die Bürgergesellschafthatte im Frühjahr in der Stadt den Übergang zur Volksversammlung gemacht; siehatte im Sommer, in Böttchershöfchen, als wirkliche Volksversammlung ihren Fort-gang gehabt: jetzt im Herbst — und dies schien ihren nahen Untergang zu verkünden —ging sie gar in die Form der bloßen Privatgesellschaften über. Doch aber vermoch-ten alle diese Umgestaltungen den eigentlichen Kern nicht zu zerstören.
Verwandlung der Bürgergesellschaft in Privatgesellschaften.
^ Den Namen von Privatgesellschaften gab man sich für die nächste Zeit, um sicheben am Leben zu erhalten. Es wurde jetzt auf die Gesellschaft von außen her ge-fahndet. Aber wo war sie denn eigentlich, die Gesellschaft? Sie war überall undnirgend. Selbst der Montag war nicht mehr der Tag, auf den ihre Aufpasser rech-nen konnten. Auch existirte sie allerdings unter einer Form, der man nicht gut bei-zukommen vermochte. Vielleicht hat nie eine Gesellschaft von doch immer noch etwa800 Personen in so abenteuerlicher Weise, im Angesichts einer großen Stadt, mittenin ihr, ihr Leben gefristet, und doch immer einen gewissen Humor und den Anstandbewahrt. Denn man denke sich: die nicht mehr sein sollende Bürgerversammlunggab jetzt allwöchentlich Soireen, eröffnete förmliche Salons. Dieselbe lebte so sehr in