Band 
Vierter Band.
Seite
501
JPEG-Download
 

Königsb'erg. 501

der Bürger angestellt gewesen, sondern zum Schutze der Regierungen. Daher auchdie Regierungspartei stets Alles habe veröffentlichen dürfen; Dem müsse ein Endegemacht werden. Freie Presse, Volksbewaffnung! Man versprach von Seiten desVorstandes der Versammlung, beim Magistrat Schritte zu thun, um in der dro-henden Gefahr zu erlangen, daß die Bürger Waffen anlegen dürften.

Die Depeschengeschichte.

In diese erste Zeit unserer Kämpfe und Errungenschaften fällt eine in der Er-innerung heitere, fast burleske Episode, die da beweist, was Alles in einer so aufge-regten Lage möglich ist: wir meinen die Depeschengeschichte. So lange Königsbergsteht und seine Bewohner leben, wird man dieser Geschichte noch gedenken, in deralle Contrastc zusammenwirken. Es war Dienstag, am 21. März 1848, also bereitsam ersten Frühlingstage unserer neuen politischen Zeitrechnung, als man Nachmittagsetwa um 2 Uhr in Königsberg Jedermann auf den Füßen sah. Man hätte glau-ben mögen, die russischen Divisionen rückten bereits durch die Thore herein. Dies-mal aber handelte es sich nur um einen russischen Kurier, wenigstens nach Dem wasdas Gerücht darüber im Lauffeuer verbreitete. Gestern erst war unter den Bürgernüber die Bewaffnung berathen worden; heute schon war sie bewilligt, ja man wargroßentheils bereits bewaffnet. Überall auf den Straßen unabsehbare Bürgercolonncn,welche bewaffnet, nach dem Alarmplaße ziehen oder nach Waffenlocalen eilen, umdas Nöthige zu empfangen. Viele haben sich elegant angezogen; Andere haben sichschwer equipirt, denn es ist Gefahr vorhanden. Frauen wollen ihre Männer nichtziehen lassen in die Gefahr, wenn auch noch nicht das russische Heer aufzusuchen, sodoch den Vorläufer, den russischen Kurier; aber die Männer lassen sich nicht halten.Studenten und Kaufleute, Gelehrte und Handwerker schreiten in schöner Bürgerein-tracht, in langer Procession zum Tempel des Janus, der sich diesmal nach Ostenhin geöffnet hat. Doch diese Züge paarweis dahineilender Bürger werden von einemwilden Tumulte gedrängt, durchbrochen, gekreuzt, der sich nach dem Postgebäüde fort-wälzt. Es heißt allgemein, das Volk wolle das Postgebäude stürmen. Eine ver-hängnißvolle Spannung liest man auf allen Gesichtern. Die Kaufleute schließenihre Läden.

Der Hauptpunkt, auf welchen sich diese ganze seltsame Bewegung zurückführte,war der Umstand, daß man (und wie es sich bald zeigte, mit Recht) vermuthete, inBerlin selbst werde in diesem Augenblicke eine Schlacht geschlagen, die das fernereGeschick Preußens, Deutschlands entscheide. Daß Außerordentliches, vorgefallen, konnteman schon aus dem 24stündigen Ausbleiben der'Post schließen. In einer so kriü-schen Lage achtete man um so unverwandter auf jede Sendung von und nach Ruß-land. Nun sollte, erzählte man sich, ein russischer Kurier von Petersburg in Kö-nigsberg angekommen, festgehalten, die Depesche ihm abgenommen sein. Nach Andernwar die abgenommene Depesche von Berlin nach Petersburg bestimmt. „Um soschlimmer", riefen die Aufgeregten, „dies ist der Hülferuf um ein Ruffenheer nachPreußen. Unter den gegenwärtigen Umständen ist unsere eigene Existenz bedroht,hier muß eingeschritten werden." Man schickte Deputirte zur Post. Man wolltesich Gewißheit verschaffen, ob auch die Depesche in Sicherheit gebracht worden; wäredies nicht der Fall, so erklärte man, selbst dafür sorgen und ohne Ansehen der Per-son verfahren zu wollen. Nun kam aber die Schreckensnachricht zurück, die Depeschesei allerdings abgenommen, der obersten Regierungsbehörde übergeben worden mit derWillensbestimmung der Übergebenden, daß das Schriftstück so lange in Verwahrsamgehalten iverde, bis beruhigende Nachrichten von Berlin angekommen. Doch der Behördesei die Depesche unter der Hand verschwunden. Auch wollten Bürger einen bekanntenPostofficianten zum Thore haben eilen sehen. Genug, es ward nur zu wahrschein-lich, die Depesche sei nach Rußland befördert. Verrath! Verrath! schrie es von allenEnden und Ecken durch die Straßen. Man stürzte zur Post und wollte das Ge-bäude demolirm. Andere wollten im Ernst nach der Sturmglocke. Die Verwir-