Die moderne Oper. 557
Tonmalerei eine nach allen Regeln des Herkommens durchgearbeitete Coloraturarie,eine an den strengsten Kanon des Zopfs erinnernde Cadenz einzufügen, um so demSänger auf Kosten des dramatischen Ausdrucks und des raschen Flusses der Ent-wickelung ein Zugeständniß zu machen, während er ihn vielleicht wieder in demnächsten Ensemble auf Kosten des Orchesters, in dem nächstfolgenden wol gar ausKosten des Ballets in die Ecke schiebt. Dieser Aberglaube, welcher wähnt, daß in. einer Oper alle Formen und Mittel versucht und durchgeführt werden müßten, daßman hier epische, lyrische und dramatische Formen, Kirchenstil und Ballmusik, Volks-lieder und Salonstücke nebeneinanderstellen dürfe, ist der Ruin der modernen Oper.Sie hat dadurch so oft den fatalen Charakter eines byzantinischen Prunkwerks erhalten.Die Alten setzten ihre Opern den Sängern zu lieb. Das war zwar einseitig verfahren,aber es geschah mit Consequenz; und wenn Hasse wol gar ganze Opern in steterBerechnung auf eine einzige beliebte Sängerin componirte, so mag das immer nochals ein Ausstuß jener Consequenz gelten. Wenn aber die modernen Italiener undFranzosen ganze Rollen blos einer bestimmten Sängerin zu lieb schreiben, so gerathensie dadurch in den entschiedensten Widerspruch mit dem innersten Wesen der moder-nen Oper, die eben die Kunstfertigkeit des Sängers stets nur als Mittel, nie alsZweck ansteht, und vermehren dadurch den innern Widerstreit, aus welchem die ganzemoderne Oper zusammengesetzt ist.
! Auf wen ist eigentlich der Eindruck der modernen Oper berechnet? Die alte
! Oper zielte auf eine kunstverständige Zuhörerschaft, oder als Hof- und Prunkoperauf eine nach Sinnenreiz begierige aristokratische Gesellschaft. Ein so ausschließlichesZiel steckt sich die moderne Oper nicht. Viele ältere Operetten und Vaudevilles ziel-ten auf die niedern Volksclassen, ja man kann sagen auf das Volk. Ein solchesZiel liegt unserer, allezeit salonfähigen Oper noch weit ferner. Aber auf Wen siehti sie es dann ab? Auf das „Publicum"! Auf diesen wunderbaren echt modernen! Begriff einer großen, nach der Durchschnittszahl dilettantischen Masse, welche kunst-verständig ist, weil sie Kunstleistungen bezahlt, welche klicht naiv genug ist in ihremUrtheile, als daß man es eine Stimme des Volks nennen könnte, und doch wiederzu naiv, als daß man das Urtheil eines Kenners darin suchen dürfte. Dieses wun-derbare Gemisch, dieser innere Widerspruch, den die moderne Welt unter dem Begriffdes Publicums zusammenfaßt, paßt ganz vortrefflich zu unserer widcrspruchvollenOper. Das Publicum und die Oper bedingen sich gegenseitig: eines hat das andereso machen helfen, wie es eben geworden ist, und keines also dem andern etwas vor-zuwerfen. Die neue deutsche und französische Oper ist nicht volksthümlich, wie esdie alte italienische war und die moderne in Italien theilweise immer noch ist: sie istpublicumsthümlich. In der höhern instrumentalen Kunst und in den ediern Weisendes Liedes commandiren die Tonmeister das Publicum; in der Oper commandirtdas Publicum die Tonmeister. Nur die Schauspielkunst befindet sich hier in gleicherSklaverei mit der Oper. .Eine blos gedruckte Schauspieldichtung, die sich an denRichterspruch der Kenner wendet, passirt noch zur Noth, eine blos geschriebene Operaber ist ein Unding. Während das deutsche Volk in politischen Dingen viel eher
i reif wurde, als man es für mündig erklärte, ist das Theaterpublicum schon längst
^ souverain geworden, obschon es doch noch lange nicht reif ist; und in dieser Abhän-gigkeit von seinen Launen und Grillen verdirbt die Oper und droht zuletzt selbst eine! bloße kunstgeschichtliche Grille zu werden.
Der modernen Oper fehlt die geschichtliche Basis. Jene Opernaufführungendes Mittelalters in den Kirchen und auf den Gassen, die dramatisirten Oratorienund die musikalischen Fastnachtspiele, auf welche man etwa den ersten Begriff einerl volksthümlichen Oper zurückführen könnte, sind für unser modernes Opernwesen längst
^ zum bloßen Mythus geworden. Der geschichtliche Zusammenhang mit denselben exi-
> stirt nicht mehr. Desto mehr ist ein geschichtlicher Zusammenhang mit den musikali-schen Schäfcrspielen des 17. und 18. Jahrhunderts, mit den Prunkopern am Hofe
der französischen Könige und der sächsischen Kurfürsten vorhanden. Es widerspricht