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Vierter Band.
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558 Die moderne Oper.

aber dieser geschichtliche Zusammenhang durchaus Dem^ was die Ästhetik der Ge-genwart unter den Begriff der Oper gefaßt wissen will. Die Oper soll die reinsteBlüte der Romantik sein, und doch hängt ihr noch der alte Zopf der Schäferspieleund Hofopern unablöslich an. Dieser Zopf wird auch wol mit dem Wesen eines gesunge-nen Drama in gewissem Sinne stets verbunden sein; ja man könnte behaupten, derGedanke eines gesungenen Drama sei an sich ein Gedanke des Zopfes. Die moderneRichtung in der Oper strebt, wie bereits bemerkt, nach der äußersten Zndividualifi-rung der musikalischen Charakterzeichnung. Es ist aber eine Eigenthümlichkeit dermusikalischen Charakteristik, daß sie keineswegs im modernen Sinne individualisirt,sondern höchstens die Charaktere nach großen Gruppen, nach ihren allgemeinen Kat-egorien zusammenfaßt. Hier finden wir also abermals Zweck und Mittel im Wider-streit. Dieser Widerstreit fand bei den alten Schäferspielen und Hofopern keineswegsstatt: es paßte ganz in ihr Wesen und ihre Absicht, daß die Musik die Charakterenicht ins kleinste individualisirte, sondern vielmehr nur nach ihren allgemeinsten Grund-zügen auseinanderhielt. Man muß es darum als den ärgsten Misgriff der meistenjetzt lebenden deutschen und französischen Operncomponisten bezeichnen, daß sie aufdem Wege der musikalischen Charakteristik Effecte anstreben, die man allein durch dasVerstandesschärfe Wort der dramatischen Dichtung erreichen kann, und dadurch sichselbst um allen Effect betrügen.

Die Operncomponisten bis auf Mozart schrieben in vollkommenster Naivetät;sie kümmerten sich verzweifelt wenig um ästhetische Theorien, sie waren Musikanten,nichts weiter. In diesem glücklichen Stande der Unschuld befinden sich gegenwärtigimmer noch die meisten italienischen Opernsetzer. Den Deutschen und Franzosen hatdie kunstwissenschaftliche Theorie den Kops verwirrt, und doch sind sie auch wiederviel zu sehr Musikanten, d. h. viel zu naiv, um auf theoretischem Wege zugleich dieAuflösung neben dem Räthsel zu finden, welches ihnen die bösen Kunstgelehrtenhingeworfen. Man muß entweder mehr nachdenken über das Wesen der Oper, alses unsere Musiker thun, odei gar nicht. Ein Mann, der wol mit der Theorie undtrotz der Theorie sich hätte zurechtfinden können, weil er überhaupt künstlerische Nai-vetät und wissenschaftliche Erkenntniß aus eine in der musikalischen Geschichte uner-hörte Weise vereinigte, Mendelssohn, ist gerade da selbst dem Räthsel des Todesverfallen, als er den ersten Anlauf nahm, das Räthsel der deutschen Oper zu lösen.

Die größte Verwirrung wurde nun vollends dadurch in die moderne Oper ge-bracht, daß sich die nationalen Unterschiede der musikalischen Schreibart in ihr soauffallend verwischten. Nirgend herrscht ein gleicher künstlerischer Kosmopolitismuswie in der Oper. Während in der alten Zeit alle Fäden des Opernstils in Romund Neapel zusammenliefen, so in unsern Tagen in Paris. Dort haben sich deutscheMeister, wie Meyxrheer, verwälscht, dort nahmen die sprödesten Italiener, wie Ros-sini, Bellini und Donizetti, Züge des deutschen und französischen Geistes an, unddie eingeborenen Franzosen standen mitten inne und zeigten sich so geschmeidig nachbeiden Seiten, daß man fast nicht mehr wußte, ob man ihrer Opernmusik noch eineSpur nationalen Stils zuschreiben dürfe. Es datirt aber dieser kosmopolitische Zugder Oper nicht von heute oder gestern, er ist so alt, wie die Oper selbst. Insoferndas Nationale der Schreibart feste Formen und Regeln von selbst ausprägt, wardurch jenen Kosmopolitismus der stärkste Damm gegen die Unsicherheit, nist welcherder moderne Opcrncomponist nach seinen Formen tastet, von vornherein weggerissen.Noch mehr! Die Oper, bewußt und unbewußt mit allerlei Ausländerei buhlend, tratin geheimen, aber sehr entschiedenen Widerspruch mit jenem mächtigen Drang derganzen übrigen Kunstentwickelung, welcher von Jahrzrhnd zu Jahrzehnd immer un-aufhaltsamer vorwärts treibt nach der reinsten Ausprägung des nationalen Elementsin der Kunst. Es war daher männlichen Geistern, die in den innern künstlerischenZusammenhang der Sache nicht zu blicken-vermochten, nicht ganz zu verargen, wennsie die Oper überhaupt als eine entartete und die Nation zur Entartung führendeKunstform verdammten. Es fragt sich aber sehr, ob darin nicht gerade unser ganzes