Die moderne Oper. 55S
Kunstleben eine herrliche Ergänzung finde, daß wir diese einzige Mischlingsform derOper besitzen, auf welcher sich, wie auf neutralem Gebiete, die ganze musikalischeCultur Europas begegnet, und ein Volk dem andern sein Bestes austauscht. Fürunsern Zweck genüge die Bemerkung, daß durch diese wechselweise Verschmelzung derSchreibart in der Oper die Unsicherheit und Ungewißheit über Zweck und Mittel derganzen Kunstform um ein bedeutendes vermehrt wurde. Sind hier doch selbst dieItaliener in neuester Zeit irre geworden an ihrem musikalischen Herkommen, währendsie sonst am ersten die Oper als ihr nationales Eigenthum ansprechen konnten undin der That auch ihre nationale Eigenthümlichkeit darin weit seltener als Andereverleugnet haben.
So sehen wir bei der modernen Oper einen fortlaufenden innern Widerstreit,Gegensätze ohne Lösung, vielversprechende Anläufe, ein seltsam verworrenes Gewebeaus gutem und schlechtem Garne — und vorab erblicken wir dies Alles in stärkstemMaße bei der deutschen Oper. Darum gibt es in der ganzen künstlerischen Gegen-wart keine Erscheinung, die so fesselnd wäre, so verlockend zu Studium und For-schung, so dankbar zur Charakteristik, als die Oper, denn gerade die gemischtestenCharaktere bieten ja das höchste psychologische Interesse. Es gibt aber auch kaumein anderes kunstwissenschaftliches Object, über welches so widersprechende Auffassun-gen und Ansichten im Schwange gingen. Wir halten es darum für das Wichtigste,hier vor allem Klarheit in den Thatsachen zu schaffen, die verworrenen Fäden, inwelchen die neueste Geschichte der Oper zu einem förmlichen Knäuel zusammenge-laufen ist, einzeln bloszulegen, die Hauptgestalten, auf deren Schultern unsere Operruht, in möglichst klares Licht zu setzen, und durch richtige Eruppirung derselbeneinen umfassenden Überblick zu gewinnen. Dies soll im Nachfolgenden geschehen.
Die Italiener.
Wir beginnen mit den Italienern, und zwar ist es nöthig, daß wir auf einenZeitabschnitt zurückgehen, von welchem man wol eine Periode der politischen Geschichtezu datiren gewohnt ist, während es Manchem wunderlich erscheinen dürfte, daß mandort auch in der Geschichte der Oper einen Absatz machen will — zu den Tagendes Wiener Congresses.
Aus dieser Zeit stammt Rossini's Weltruhm. Er war der geborene Musikerder politischen Restauration, ein Mann, dessen Opern vortrefflich mit Metternich'sSystem und den Grundsätzen des Bundestags harmonirten. Diese sinnlich lüsterne,zierlich aufgeputzte Musik ging Hand in Hand mit dem Wiederaufleben prunkhafterHoffeste; sie führte die Oper auf denselben Standpunkt zurück, auf welchem wir siein der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts schon einmal gesehen haben, als Lullyund Haffe ihr reiches Talent für üppige Schaustellungen des theatralischen Pompsvergeudeten. Dieser süße Sirenengesang paßte für ein erschlafftes, gedankenloses Ge-schlecht, welchem Primadonnen an die Stellen der Staatsmänner und Kriegsheldengetreten waren. Man kann wol behaupten, daß Rossini's Opernmusik die genialsteund reizendste künstlerische Blüte war, welche überhaupt aus dem Geiste der dama-ligen Restauration hervorgesproßt ist. Betrachtet man den Siegeszug, welchen Ros-sini's Opern damals durch Europa und namentlich durch Deutschland gehalten, dannstößt man auf die merkwürdige Erscheinung, daß dasselbe Italien, welches so geknicktin seiner Nationalität, so tief niedergehalten in seiner politischen Entwickelung war,das eben erst in einem Weltkrieg siegreiche Deutschland, welches obendrein just inSprache und Literatur eine bis zur wunderlichen Deutschthümelei hinausgetriebeneEifersucht auf seine nationalen Besitzthümer geltendmachte, durch seine Opern inFesseln schlug. Rossini war ein großer Mann, er hatte seine Zeit und sein Volkbegriffen. Er drang durch in aller Welt, weil er italienisch national war. Er hattewenig gelernt und war dadurch gesichert vor jenem Conflicte des theoretischen Wis-sens mit der künstlerischen Naivetät; der Gelderwerb trieb ihn mindestens in gleichemGrade zur Produktion als das inwendige Drängen des künstlerischen Genius. So