560 Die moderne Oper.
geziemte es sich für den Operncomponistcn der Restauration, denn ein Künstler, wel- i«her nur um des inwendigen Dranges, welcher nur um Gottes willen arbeitet, wirdleicht revolutionair. Nossini's Oper tritt als entschiedene Reaction der von Gluck sund Mozart begonnenen Fortbildung der musikalischen Dramatik entgegen: die Zeitwar nicht danach angethan, die erschütternde Macht des vollen dramatischen Leben-zu fassen. Rossini führte jene technische Sicherheit, jenen festen Boden des Hand-werks in die Oper auf eine kurze Weile zurück, der seit den Tagen der alten Ita-liener daraus verschwunden war. Dadurch verlockte er eine ganze Schar mittelmä-ßiger Talente zur Nachahmung. General!, Caraffa, Mercadante in seiner frühern t
Periode, Pacini und Andere copirten so getreu des Meisters Manier, daß die Nachwelt ^
ihre Werke, falls sie nicht mit den Namen bezeichnet wären, so gewiß für Rossini'sche Ori- !
ginale halten würde, als man jetzt etwa Hunderte von Bildern aus den Schülerkrei-sen des Rubens mit der größten Zuversicht für Werke des Meisters ausgibt. Allein
diese sklavischen Nachahmungen blieben in ihrer eigenen Mittelmäßigkeit und im äußernRossini schen Formalismus stecken, und so rasch sich des Meisters Werke auf alleneuropäischen Bühnen einbürgerten, kamen die Nachahmer doch kaum über die ita-lienischen und allenfalls die französischen Theater hinaus.
Gegen das Ende der zwanziger Jahre bereitete sich ein Umschwung in der Po-litik und Literatur vor, der sich bei dem Beginne des neuen Jahrzchnds rasch undglänzend vollenden sollte: die Julirevolution nahte heran. Auch bei dem Operncom- ,
ponisten Rossini bereitete sich ein Umschwung vor. Er war nach Paris gekommen, ^
dem Brennpunkte des europäischen Opernwesens. Dort war er nicht blos aus derNaivetät seiner italienischen Cankilenen herausgerissen worden, er hatte nicht blos diedramatischen Foderungen des deutschen und französischen Geistes kennen gelernt: auchjene geheime Gährung, welche damals die litcrarischen und politischen Zeitideen zuzersetzen begann, und deren Einfluß sich nicht einmal die Kunst entziehen konnte, hatte I
ihre Wirkung auf ihn geäußert. Er verließ die streng italienisch-nationale Bahn; '
er suchte den schroffen Geist der französischen Neuromantik mit seinen weichen italie-nischen Melodien zu verschmelzen, ja er ward gar aus dem ästhetischen Nestaura-tionsmann ein ästhetischer Demagog. Sein „Wilhelm Teil", am Vorabend der ^Julirevolution geschrieben, war eine Weissagung aus dieselbe. Nicht in dem äußer-lichen Sinn, daß diese Oper das Thema einer Revolution behandelt, sondern weilder ganze Umschwung des geistigen Lebens und künstlerischen Ausdrucks, wie er sichan die Julirevolution knüpfte, hier in wahrhaft großartiger Weise ausgesprochen war.Wenn man Nossini's „Tancred" seinem „Teil" gegenüberstellt, dann kann manrecht deutlich sehen, wie durchgreifend die geistige Bewegung gewesen war, welchesich innerhalb der 15 dazwischenliegenden Friedensjahre leise und unbemerkt vorberei-tet hatte. Selbst die Nachahmer Nossini's.wurden von dem Geiste der Zeit ergriffen,wie wir das bei Caraffa und Andern finden. Paris übte von nun an eine wahr-haft dämonische Gewalt auf die deutschen und italienischen Operncomponistcn, welchedort ihre Wirksamkeit entfalteten. Wie jene Revolution von Paris ihren Ausganggenommen und so ganz Europa mit den neuen französischen Ideen überschüttet hatte,so hatte auch die auswärtige Literatur allenthalben einen leichten französischen Anstrich ^angenommen, was uns ja aus den Schriften unsers Jungen Deutschland am bestenbekannt ist. Dieser französische Anstrich saß bei der Oper am festesten, denn da siedie eigentliche Kunstblüte der Restauration gewesen war, so mußten bei ihr auch der ,Umschwung am gewaltigsten und alle damit verbundenen Eindrücke am tiefsten sein. !Es bildete sich in Paris ein musikalischer Kosmopolitismus aus, der sich in derOper bis zu einer eigenen scharfbegrenzten Art des gemischten Stils steigerte. Be-zeichnend hierfür ist es, daß Rossini zu selbiger Zeit in Paris einen jungen spanischenOperncomponisten, Gasparo Gomis, besonders beschützte und förderte, welcher in glü-hender Verehrung für Mozart und Haydn schwärmte, dabei aber Rossini'sche Formen ^nachahmte und ebenso bereitwillig den Geist der französischen Neuromantik auf sich