Die moderne Oper. 561
einwirken ließ. Rossini hatte im Jahre 1829 den nationalen Weg der italienischenOper verlassen; er ist nicht wieder aus denselben zurückgekehrt.
Aber eine andere, ungleich interessantere Erscheinung trat jetzt auf den Schau-platz, welche die Oper noch ein mal den Italienern so national machen sollte, als siees je gewesen: Bellini. Die Siegessreude nach der Julirevolution war rasch ver-rauscht. Der tiefe Schmerz der Enttäuschung bemächtigte sich der Völker; einekrankhafte Sentimentalität, die sich. schon in den Tagen der Restauration vorbereitethatte, Verbissenheit und dumpfer Groll faßten tiefe Wurzel. Dazu mischten sich dieReste jener Sinnenlust und Frivolität, welche die Erschlaffung der zwanziger Jahreans Licht gerufen. Bellini ward der musikalische Repräsentant dieser Weltstimmung.Wie George Sand in der Literatur, so wirkte er in der Musik, aber nicht blos wieGeorge Sand, sondern auch wie die Nahel, wie Bettina — ein von Grund aus weibli-cher Charakter. Er zählt noch nicht zum musikalischen Jungen Deutschland, so wenig wiejene Frauen zum literarischen; aber er steht in der Vorhalle desselben. Seine Werkefallen zur Hälfte in die letzten Jahre vor der Julirevolution, zur Hälfte in den Be-ginn der dreißiger Jahre: so steht er auch der innern Bedeutung seiner Werke nachinmitten eines Übergangs, zweierlei Richtungen zugewandt.
Wenn das Junge Deutschland einen Weltschmerz affectirtc, dann ist es beiBellini der Schmerz des tief erniedrigten Italien, welcher aus dem elegischen Grund-zug seiner Sangesweise spricht. Es ist bezeichnend für ein Volk wie das italienische,daß es in dieser weichen, kranken Sentimentalität das heimlichste Gefühl seines Her-zens wiedererkannte. Die unglücklichen Italiener sangen — und singen! — dieseBellini'schen Melodien, wie die.alten Hebräer „ein Lied von Zion" sangen, als sieweinend an Babels Wassern saßen. Bellini erregte einen patriotischen Enthusiasmus,wie kaum je ein anderer Tonmeister. Das Leben des früh Heimgegangenen Jüng-lings ward zum nationalen Mythus; man stellte ihn neben Rafael. Der Geschicht-schreiber kann die politische Stimmung Italiens in den dreißiger Jahren nicht tref-fender schildern, als indem er den Sinn dieser Apotheose Bellini's deutlichmacht.Dieselben Opern, welche in Deutschland kaum anders als die Rossini'schen wirkten,welche den Geist des Volks in weichliche Träumereien einlullten, wirkten in Italienrevolutionair, ein Wahrzeichen für das Junge Italien! Welch ein Volk, das indiesen lüsternen Klageliedern die Tiefe seiner Seele ausgesprochen findet! Rossiniwurde in Italien vielleicht mehr bewundert, aber für Bellini schwärmte man. Ros-sini hatte mit dem Leichtsinn und der Frivolität einer gänzlichen nationalen Erschlaf-fung ein coquettes Spiel getrieben, Bellini hauchte den Schmerz über die Erniedrigungder Nation in Tönen aus. Für ein musikalisches Phänomen hat man Bellini im-mer gehalten: die Geschichte der letzten zwei Revolutionsjahre hat gezeigt, daß seinAuftreten und seine Aufnahme auch ein politisches Phänomen gewesen ist. EinVolk, welches einen Bellini zu seinem Tyrtäus macht, ist ein verlorenes Volk; undwenn es seine Erhebung auch noch so großtönend beginnt, so wird ihm doch ein Tagvon Novara nicht lange ausbleiben!
Bellini's Opern haben auch in musikalischem Betracht ein merkwürdiges Schick-sal gehabt: sie haben mit den Jahren an Güte zugenommen, sind, wie gewisse Waa-ren, durch das Liegen besser geworden. Ich erinnere an seine „Nachtwandlerin",seine „Norma". Welche Fülle von Charakteristik ist im Laufe der Zeit in dieHauptcharaktere dieser Opern eingetragen worden, von der sich der Compvnist schwer-lich etwas hat träumen lassen. Er hat nämlich die Figuren in so allgemeinen Um-rissen angelegt, daß es jedem Sänger so ziemlich freisteht, daraus zu machen, waser eben will und kann. Und bis auf diesen Tag haben es sich die größten Sänge-rinnen aller Nationen angelegen sein lassen, namentlich Bellini's Frauengestalken nachallen Richtungen zu individualisiren. Diese Norma z. B., wie sie sich jetzt der Seeledes Kenners, der viel gehört hat, darstellt, ist nicht blos eine Schöpfung Bellini's:sie ist vielmehr von ihm, der Malibran, der Pasta, der Lind und vielen Andern zu-Die Gegenwart- IV. 36