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Vierter Band.
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Die moderne Oper.

sammen erst allmälig geschaffen worden. Es charakterisiert aber diese Thatsache garschlagend die ganze Art der dramatischen Tondichtung bei den neuen Italienern.Während in der deutschen Oper der Sänger schon viel geleistet hat, wenn er dieJndividualisirung des Tonsetzers im Vortrage nur nicht verwischt und verallgemeinert,muß er in der italienischen Oper den bestimmten Charakter erst durch den Gesangschaffen und zusehen, daß er überhaupt nur Einzelzüge bildet und bestimmte Färbungda aufträgt, wo von dem Komponisten nur die Möglichkeit derselben gegeben ist.

Auch Bellini konnte dem Einflüsse des pariser Zauberkreises nichr entgehen.Vor der Einwirkung deutscher Strenge und Gründlichkeit hatte er sich auf Rossini'SRath zu wahren gewußt, aber die französische Neuromantik nahm ihn gefangen.Seine „Puritaner" geben Zeugniß davon. Man glaubte, mit dieser Oper sei erauf den Weg des tiefern dramatischen Lebens, des gedrungenem Ausdrucks gekommen,und weissagte nun eine große Zukunft. Der Tod schnitt die Erfüllung ab. Viel-leicht zur rechten Zeit. Denn eben den nationalen Weg hatte Bellini in den „Pu-ritanern" zu verlassen begonnen. Auch ist diese Oper meines Wissens in Italiennie zu jener fabelhaften Popularität gekommen, wie vor allem seine „Nachtwandlerin"und seine „Norma". Dies aber bleibt ein kulturgeschichtliches Wahrzeichen, daß einVolk im 19. Jahrhundert eine Oper wie die „Nachtwandlerin" zu einer National-oper emporheben konnte, deren ganze dramatische Motivirung auf die krankhafte Af-fection des Gangliensystems bei einem nervenschwachen Mädchen gegründet ist!

Bellini's Opern brachten in der Kunst des dramatischen Gesangs eine neueStufe der Entwickelung zuwege: sie erzeugten eine eigene Sängerschule. WieRossini den Operngesang zu einer vorher in solcher Allgemeinheit kaum geahntenVirtuosität in dem zierlichen Schmucke der Coloratur und der leichten Grazie desAusdrucks führte, so bildete Bellini einen breiten, weichen, innigen Ton im Vortrageder Cantilene aus, den sich fast alle Häupter des modernen Bühnengesangs aneigneten.Man kann von keinem neuern deutschen Operncomponisten sagen, daß ihm ein Gleichesgelungen wäre, daß er durch seine Tondichtungen eine förmliche neue Schule desBühnengesangs hervorgerufen hätte. Auch Bellini's Nachfolger unter den Italienernvermochten es nicht. Daraus mag man wol auf das Gewicht des musikalischen Ein-flusses jener beiden Meister schließen.

Bellini hat nicht eine Schar blinder Nachbeter wieMossini um sich versammelt,die dessen ganze Opern Zug für Zug abconterfeiten. Desto mehr sind die Einzelheitenseines Stils und seiner Manieren in alle Arten der musikalischen Production über-gegangen. Namentlich ist jener kleine Kram, welcher den musikalischen Markt deSTags für die Dilettanten versorgt, auch in Deutschland bis zu dieser Stunde gro-ßentheils in Bellini's Manier fabricirt worden. Ganz besonders tief hatte sich derEinfluß Bellini's in Wien festgesetzt, und unter der Mehrzahl der dortigen Musikerjene Wühlerei mit italienischem Wesen erzeugt, die sich in Nicolai's und AndererOpern und Eesangwerken so widerwärtig breitmacht.

Donizetti, zu dem wir uns nun wenden, besaß nicht mehr die Originalität seinerbeiden großen Vorgänger. Er betrat den Weg, der die Deutschen seit Mozart sooft in die Irre geführt: er experimentirte. Rossini und Bellini hatten ein festesZiel, feste Formen: sie blieben sich Beide bis zu ihrer letzten, pariser, Periode kon-sequent. Donizetti war nur so lange konsequent, als er unbedeutend war; in demMaße, daß er nach höherer Selbständigkeit zu ringen begann, ward er sich selbstuntreu. Die opora Kulla hat er z. B. in seinem „Liebestrank" fast ganz in Rof-sini's Manier behandelt; dagegen ist seine „Regimentstochter" eine französisirte ko-mische Oper. Sein „Belisar" spielt stark in die Bellini'schen Farbentöne hinüber;seine „Lucia", seine „Lucrezia Borgia" sind im Geiste der französischen Neuroman-tik gehalten, und in der „Favorite" hat er gar versucht, durch Anklänge an dendeutschen Stil interessant zu erscheinen. Aber dessenungeachtet war Donizetti vielzu sehr Italiener, als daß er sich zu so »»sicherm Umhertasten, zu solchem Eklekti-cismus wie die neuen deutschen Meister hätte hinreißen lassen. Wir haben schon in