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Vierter Band.
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Die moderne Oper. 563

dem Artikel über das Volkslied (im dritten Bande dieses Werks) beiläufig erwähnt,daß sich Domzetti in dem Bau seiner Arien entschiedener als die beiden Vorgängeran die volksthümliche Grundform der Canzonette angelehnt habe, und daß auch seineMelodien den Klängen des italienischen Volksgesanges sich anzuschmiegen streben, wo-bei in der Regel allerdings eine unfreiwillige Caricatur der volkstümlichen Liedesweisezutagekommt. Außerdem halten „sich Donizetti's Opern in festbestimmten Form-grenzen. Es ist eine naturgemäße Ökonomie in der Handhabung der musikalisch-dra-matischen Ausdrucksmittel nicht wegzuleugnen, die seine Werke sehr Vortheilhaft vondenen der meisten französischen und deutschen Operncomponisten der Gegenwart un-terscheidet, und ihnen das Prädicat höchst dankbarer, leicht darzustellender Repertoir-stücke gesichert hat. Dabei weiß Domzetti ganz klar, was er mit seinen Opern will.Er fliegt nicht zu hoch; er läßt sich's genügen, das große Publikum in der Art einesfranzösischen Feuilleton-Novellisten spannend zu unterhalten und jezuweilen zu ver-blüffen. Er folgt wie ein Ährenleser den italienischen und französischen Vorgängern,aber er weiß doch immer noch eine eigene Garbe aus den also gesammelten Ähren zu-sammenzubinden.

Donizetti's künstlerischer Entwickelungsgang ist ein höchst origineller gewesen:er zeigt uns gleichsam in dramatischer Verkörperung alle in diesem echt modernenItaliener zählenden Gegensätze. Nicht umsonst hatte der junge SchneiderlehrlingDomzetti dem großen Gesanglehrer Bordogni die zerrissenen Kleider geflickt. DerSänger brachte dem Schneider zum Danke dafür jene Grundsätze des fließenden,naturgemäßen Gesanges bei, welche der spätere Maestro, trotz aller Versuchung durchden sogenannten dramatischen Stil der Franzosen, nicht vergessen hat. Der Schneiderwollte Kirchencomponist werden. Domzetti, der größte Evangelist der sinnlichen Üp-pigkeit und Frivolität in der Oper, warf sich mit allem Eifer auf die ernste Kirchen»musik. Und obendrein führte das Schicksal den angehenden Komponisten zu einemdeutschen Lehrmeister, zu dem alten Simon Mayr, der sich in Italien akklimatisirthatte, um durch ein halbes Jahrhundert den Italienern Respect vor deutscher Gedie-genheit beizubringen. Aber dieses strenge Studium hielt nicht lange Stand. Mitderselben Leichtigkeit, mit welcher Domzetti im engern Kreise, ja oft in einer undderselben Oper von einer Richtung zur andern umsprang, vertauschte er damals schonden Kirchenstil mit dem theatralischen. Eine ganze Reihe unbedeutender Opern,deren Namen längst vergessen sind, ward in kurzer Frist hervorgesprudelt, ohne daßder Meister sonderlich glänzende Erfolge damit errungen hätte. Erst als er seineNationalität zu verleugnen begann, erst als er in Paris die Elemente von Meyer-beer's, Auber's, Halevy's Richtung verarbeitete, und so das Zwitterding der franzö-sich-italienischen Oper, welches Rossini und' Bellini bereits prophezeit hatten, zurvollen Wirklichkeit brachte, erst da begann er überall durchzuschlagen. Die Naivetätder italienischen Oper ist durch Domzetti verlorengegangen, ohne daß er einen Er-satz für diesen Verlust hätte schaffen können. Für Rossini und Bellini wüßte ichkeine durchgreifende Parallele unter den neuern deutschen Operncomponisten, desto mehrfür Donizetti. Er bezeichnet uns nicht nur jenen zur Stunde in-der deutschen Operimmer noch herrschenden Eklekticismus, sondern es macht sich selbst unsere restaura-tive Tendenz, welche aus dem Studium vergangener Zeit eigenthümliche Schöpfungender Gegenwart aufbauen will, bei ihm bemerklich. So hat er z. B. das große Ver-dienst, die »per» buüs, welche in den zwanziger Jahren fast ganz verblaßt und ver-kommen war, wieder aufgefrischt zu haben. Aber gar wesentlich unterschied sichdoch wiederum dieses sein restauratives Streben von dem unserer deutschen Meister.Es fehlte ihm ganz und gar jene Redlichkeit des historischen Studiums, welche dieseauszeichnet; es war nicht jenes, ich möchte sagen, sittliche Motiv, wie es die Deut-schen aus der Liederlichkeit und innern Zerfallenheit einer in sich hohlen künstlerischenGegenwart vor nicht langer Zeit zurückgetrieben hat in die Vergangenheit, um dortKräftigung des Charakters, des Talents, der Kunstfertigkeit zu suchen. Das ist es

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