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Die moderne Oper.
überhaupt, was uns bei Donizetti am tiefsten verletzt, daß seiner Kunst der sittliche IKern fehlt- Wir vermissen jede Spur der Herzenseinfalt, wir erblicken nur eine co-quette Reflexion. Die tragische und heroische Oper, wie die komische, wie die Cön-versationsoper, Alles ging ihm, um mich eines impertinent bezeichnenden Ausdruckszu bedienen, gleich gut ab. Dieser Widerspruch des weihelosen Schaffens zu derkünstlerischen Bedeutung des Gegenstandes tritt namentlich in Donizetti's tragischenOpern recht grell hervor. Während er etwa in seiner „Lucrezia Borgia", wo dasSujet dieselben üppigen, blasirten Scenen eines verderbten Geschlechts darstellt, wie jsie mit wenig verändertem Aeitkostüm bisher auch in Paris zu finden waren, als ^
Meister in seiner coquettcn, üppigen, sinnlichen Schreibart erscheint und ein wirkliches I
Charakterbild liefert, wird der nämliche Stil im „Belisar", wo es einer einfachern,tiefer angelegten Heldengröße gilt, dem reinern ästhetischen Sinne geradezu wider-wärtig. Dagegen wird man nicht leugnen, daß seine „Negimcntstochter " ein Mei-sterstück von einer Conversationsoper ist, sofern man dieses Genre überhaupt gelten-lassen will.
So tritt uns denn in Domzetti das Spiegelbild einer in sich zerfahrenen, inihren Strebungen unklaren, zugleich entnervten und überreizten Kunstperiode entge-gen. Das wahre Schreckensregiment, welches die italienische Oper seit mehr als30 Jahren über die deutschen Bühnen übte, hat sich in ihm gebrochen. Denn ob- >gleich seine Opern auch in Deutschland durchschlugen, weil ihm unser musikalischerParticularismus, der in der Oper womöglich noch größer ist als im politischen Le-ben, einen compacten Widerstand nicht zu leisten vermochte, so ist doch durch Doni-zetti die italienische Oper von sich selbst abgefallen. Ihre streng nationale Haltungwar ihr schützender Zauber gewesen, und nur durch ihn hatte sie so lange gesiegt.
Auf den stummen Schmerz des Italieners waren die verunglückten Versuche zurnationalen Befreiung gefolgt, verunglückt durch des Volks innere Zerfahrenheit unddurch sein abergläubisches Hoffen auf Hülfe von außen, namentlich von Frankreichherüber, also durch das Verzweifeln an der eigenen nationalen Kraft: — und aufBellini folgte Domzetti!
Im Frühlinge des Jahres 1848 war es, wo Domzetti im Wahnsinne starbtKaum nahm man die geringste Notiz von dem Tode des gefeierten Meisters. Werhatte damals Zeit an einen Musikanten zu denken! Damals glaubten wir, Domzettisei gerade zur rechten Zeit gestorben, die nächste Zukunft schon werde andere Musikerbrauchen als einen Donizetti. Es ist Dem nicht so. Wenn er heute noch lebte,er könnte leider noch immer für einen „Musiker der Gegenwart" gelten.
Donizetti hat viele Nachahmer in Italien gefunden, aber Keiner von ihnen hatsich zu einer durchgreifender» Bedeutung emporgerungen, oder auch nur den bloßenNamen über die Grenzen der Heimat hinaus bekanntgemacht. Der Einzige, wel-chem es gelang, seine Werke zum Theil auch auf der deutschen Bühne einzubürgern,ist Giuseppe Verdi. Er hat in der That Donizetti's Manier nach verschiedenen "Seiten erweitert, leider aber mehr dessen Schwächen als dessen Vorzüge fortgebildet.Übrigens sind seine Leistungen, von kunstgeschichtlichem Standpunkte betrachtet, bis »jetzt noch so wenig selbständig und eigenthümlich, daß ein näheres Eingehen auf seineWerke in unserer gedrängten Darstellung durchaus ungerechtfertigt wäre.
Die Franzosen.
Die französische Oper zehrte zu Anfang der zwanziger Jahre theils von derTradition einer bessern Vergangenheit, theils fristete sie durch die Nachahmung derNossini'schen Weise ein ziemlich bedeutungloses Dasein. Jener pomphaft heroischeOpernstil, welcher in den Tagen des Kaiserreichs besonders durch Lesueur's und,Spon-tini's Werke sich Geltung verschafft, der auf Gluck seinen Stammbaum zurückführte,und für eine Generation nicht übel paßte, die daran gewöhnt war, daß die Kanonenüberall das große Wort nahmen: dieser Stil, der sich „zu Gluck's Schreibart verhielt,
Wie die Malerei David's zur Antike, war rasch außer Übung gekommen. Desto mehr