Band 
Vierter Band.
Seite
565
JPEG-Download
 

Die moderne Oper. 565

härte seit den Jahren des Friedens Boieldieu's leicht faßlicher und volkstümlich an-klingender Gesang Boden gewonnen. Betrachtete man die Strebungen älterer Mei-ster, wie Cherubin!, Mchul, Verton, mehr als vereinzelte Erscheinung, dann schienes fast, als wolle die französische Oper in sinnig heiterm Spiele zu demselben Punktezurückgehen, von welchem sie in ihrer selbständigen neuern Gestalt ausgegangen war,nämlich zu dem Vaudeville. Warum auch nicht? Das leichtgefügte Vaudevillehat eine so tiefe nationale Berechtigung in Frankreich, da es auf die volkstümlichsteGesangweise der Franzosen zurückgreift, nämlich auf die Romanze, daß es, so oftman es verdrängen mag, doch immer wieder anklopft und schließlich gewiß zu einernationalen Oper der Franzosen sich herausbilden wird. Es war aber nicht der ge-sunde, kräftige, volkstümliche Geist, der in den leichtfertigen französischen Opern ausder spätern Periode Boieldieu's und aus der (gleichzeitigen) frühern Auber's zu unsspricht, sondern ein Geist der Erschlaffung. Darum zeigte sich die Nation bald über-sättigt von diesen harmlosen Producten. Es ist kein gutes Zeichen, daß Auber'sErstlingswerke, in welchen sich kaum etwas Anderes als eine sranzösisirte VerwäfferungRossini'scher Formen kundgibt, in Deutschland fast rascher zu allgemeiner Geltungkamen als in Frankreich selbst. Die Spannung der Gemüther war eben diesseit desRhein lange nicht so groß als in Paris; man ließ sich bei uns noch sorglos vondem süßen, mattherzigen Gesänge, wie er in Auber's „Concert am Hofe", in sei-nem „Schnee" und in ähnlichen Werken vorherrscht, einlullen, während man drübenschon athemlos aus eine bevorstehende Katastrophe lauschte, und wenn es vorläufigauch nur eine Katastrohe — der Oper gewesen wäre! Die Katastrophe der Opertrat dann auch zwei Jahre früher ein als die politische. Im Jahre 1828 erschiendie „Stumme von Portici". Diese Oper war eine musikalische Revolution, siewirkte schlaghast, unwiderstehlich. Die französische Neuromantik war durch sie fertigund in voller Rüstung wie aus der Erde hervorgewachsen, und hatte im ersten An-lauf schon das ganze Feld gewonnen. Erprobte, längst in sich abgeschlossene Meisterwurden total umgewurzelt und folgten der neuen Fahne. Auber war nicht so be-deutend, nicht so gewaltig sein Werk an sich; aber daß er so plötzlich, fast wie durchZufall, den rechten Ton der Zeit gefunden, daß er einen so ungeheuren Contrast zuallem unmittelbar Vorhergegangenen über Nacht aufzustellen gewagt hatte, dies erhobdie merkwürdige Schöpfung weit über sich selbst hinaus. Wie Rossini der Kompo-nist der restaurirenden Heiligen Allianz gewesen, so war Auber der Komponist derJulirevolution. Klingt es nicht fast wie Ironie, daß sich die großen politischen Ab-schnitte der Neuzeit fast jedesmal durch einen Opernspuk gespenstig vorher ange-zeigt haben?

Wir haben den Ausdruck „französische Neuromantik" hier schon oft gebraucht:wir sind schuldig, ihn näher zu erklären, und die „ Stumme von Portici" gibt unstreffliche Anhaltpunkte dazu. Wir begegnen hier vor allen Dingen der künstlerischenEmancipation der Massen, ja dem ästhetischen Triumphe derselben über das Indivi-duum. In der „Stumme von Portici" tritt zuerst das Volk als Masse dramatischin sein volles Recht; der Chor, welcher bisher blos als lyrischer Schmuck, oder,wenn es hoch kam, im Sinne der antiken Chöre als Interpret ewiger Ideen in derOper nebenherlief, stellt sich hier als handelnder Held in den Vordergrund. Nichtdie Arien blos der aristokratischen Solosänger, nicht blos das Ensemble derselben inQuartetten, Sextetten u. s. w. soll das dramatische Leben musikalisch darstellen: derHaupteffect wird in die Wirkung der Massen gelegt. Selbst der Sologesang alssolcher tritt zurück gegen die Massenwirkung des Orchesters. Die Arie, welche bis-her den Kern bildete, sinkt in der „Stumme von Portici" zur plattesten Bedeu-tungslosigkeit herab; dagegen hebt sich das volksthümliche Lied, wenn auch noch soarg verketzert, in den Barcarolen mit bewundernswürdiger Wirkung hervor. Aberman blieb hierbei nicht stehen. Man hatte einmal die Tendenz der musikalischenEmancipation ausgesprochen, man wollte nun - auch recht gründlich durchgreifen mit-derselben. Alle herkömmliche Satzung wird geflissentlich vernichtet. Man freut sich