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Vierter Band.
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Die moderne Oper.

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der kecksten Kontraste; man will gleichsam in jeder Note zeigen, daß man die schläf-rige Sentimentalität, die süße Zierlichkeit, welche bis dahin Mode war, recht vonHerzen satt hat. Freilich will das Ander eben auch nur zeigen, denn in seiner„Stummen" ist er beiläufig immer noch gerade so gut in Nossini'schen Schnörkelnbefangen, wie in seinen frühern Werken. Aber das thut nichts: es erhöht den Con-trast, und Kontrast um jeden Preis wird gefedert. Darum stellen die französischen !

Neuromantiker so gern Tanzmusik und Kirchenmusik nebeneinander. Nie sind die !feierlichen Klänge der Orgel, die ehrwürdigen getragenen Töne der Messe und desChorals häufiger bei den Haaren in die Oper hineingezogen worden, als von ihnen,während sie zugleich die modernste Ballmusik fleißiger als irgend Jemand auf dieBühne'gebracht haben. Diese Zusammenstellung so schroffer Gegensätze, nicht ausinnerer Nothwendigkeit, sondern aus der äußerlichen Berechnung, die Nerven derHörer gewaltsam zu überreizen, steigert sich nicht selten zu dem Charakter der wider-lichsten Frivolität. Das Haschen nach dem Kontrast üppiger Sinnenlust und ge-spenstigen Schauers wird dann weiter bis auf alle Einzelheiten der melodischen undharmonischen Behandlung durchgeführt. Daher die Lust an grellen, unvermittelten,oft widersinnigen Dissonanzen. Konnte doch das einfachste Lied der Freude nichtmehr pikant sein, wenn es nicht mit Dissonanzen ausgeschmückt wurde, welche die !Alten höchstens zur Darstellung der äußersten Seelenpein angewendet haben würden, iDaher jener Zug des unmotivirten und darum geckenhaften Weltschmerzes, der sich ' !bis zum Strauß'schen Walzer durchwindet. Je härter und schroffer die harmonischen jÜbergänge waren, für desto „romantischer" hielt man sie- Ja man warf wol gargeflissentlich einen grundfalschen Übergang in die Harmonie hinein, um zu zeigen, daßman sich durchweg emancipirt habe, daß man jedem Regelzwang ins Gesicht schlage.

Wie sich die Schriftsteller der gleichen Richtung einen Anstrich von Genialität zugeben glaubten, indem sie je zuweilen absichtlich einen tüchtigen Schnitzer gegen die i,

Logik oder die Grammatik machten; ebenso liebten es diese Musiker, dem Stil wi- >

Versprechende Wendungen einstießen zu lassen. Der Franzose coquettirte hier und damit einer italienischen Phrase, der Deutsche mit einer französischen Tonwendung, ganzso wie die Schriftsteller des Jungen Deutschland mit Galicismen coguettirten, wieVictor Hugo durch allerlei wundersame fremdartige Terminologien und Wortfügun-gen dem Regelzwange der akademischen Klassicität der Sprache absichtlich trotzbot. I

Da man nun in allen Einzelheiten so stark auftrug, so mußte man die dramatischen I

Haupteffecte bis zur äußersten Übertreibung steigern; und man verfuhr sich darin ^

mitunter so arg, daß man völlig äus dem Bereich der Oper heraustrat, und in die >

Gattung des nicht lange vorher in Frankreich mit Schimpf und Spott zu Grabe ^

getragenen Melodrama verfiel. Dies hat kein Franzose richtiger erkannt als Berlioz. ^

Vom gewaltigsten Dränge zur dramatischen Komposition beseelt, griff er vorerst gar '

nicht zur Oper, sondern bildete sich eine eigene neue Art des Melodrama aus. Daswar consequent, wie denn überhaupt Berlioz der consequenteste unter den neuen fran-zösischen Musikern ist. Als er sich dennoch dem Theater zuwandte, schrieb er Opern,die sich gar nicht, aufführen lassen; das war wiederum consequent. Berlioz war ,auch allein ehrlich genug, mit den Italienern, deren ganze musikalische Anschauungs-weise, solange sie sich selbst treu bleibt, der französischen Neuromantik widerspricht,nicht zu buhlen: er gestand offen, daß er die italienischen Operncomponisten Haffe.

Wie Ander auf der Bühne, so hat er im Orchester die Massen emancipirt. Er hatgleichsam die einzelne Geige zu einem ganzen Volk von Geigen erweitert, und so fortdurch alle Instrumente. Dadurch erreicht er Wirkungen, die ans Fabelhafte grenzenmüssen; wenn sie nur aber noch anderswo als in Paris ausführbar wären!

Ander hatte mit der „Stummen von Portici" den ersten Wurf gethan: er Iüberließ es Andern, im Geiste dieser Oper fortzuarbeiten. Herold und Halevy bil-deten die neuromantische Schule im heroischen und tragischen Stile weiter. Auberhingegen, der wie durch Zufall zur musikalischen Tragödie gekommen war, der —

Wie auch so viele Staatsmänner — fast wider Willen ein Revolutionair geworden