56tz DlÄ moderne Oper. ^
mensionen »talce, wo der große Stil den Eindruck der Caricatur nicht wehr aufkom-men läßt. Herold nahm den unvermittelten Zwiespalt, welchen Auber in sein früher ,so friedliches Künstlerthum geworfen, mit sich ins Grab. Erhalte eine unvollendeteOper, „Ludovico", hinterlassen, und es erscheint uns bedeutungsvoll, daß gerade der-selbe junge Tonsetzer die Vollendung des Werks übernahm, der nachgehends dasganze verunglückte Beginnen Herold's, nämlich den neuromantischen Stil in der tra-gischen Oper durchzuführen, glücklicher zu Ende brachte — Halevy.
Halevy hat viel ftudirt. Er trat mit der vollen Rüstung musikalischer Wissen-schaft angethan auf den Kampfplatz. Er wußte seine Mittel zu beherrschen: dafür 'war er fünf Jahre lang bei Cherubim in die contrapunktische Schule gegangen.Seine Meisterschaft in der musikalischen Architektonik deutet auf Deutschland herüber;er ging mit vollem Selbstbewußtsein, in klarer Erfassung seiner Aufgabe aus Werk.
Was bei Auber ein glücklicher Moment, was bei Herold ein dunkler verzehrender ,Drang gewesen, das ward bei ihm zu wissenschaftlicher Erkenntniß, zur ästhetischen ^Überzeugung. Halevy ist eine Abnormität in der Geschichte der französischen Oper: ier ist niemals leichtsinnig gewesen. Einfache Aufgaben glücken ihm nicht, dagegen !ist er Herr) wo Andere zu verzweifeln beginnen. Vielleicht hat er in musikalischerBeziehung kein vollendeteres Werk geliefert als seinen „Blitz", einö Oper ohne Chöreund ohne Handlung, in welcher blos zwei Tenore und zwei Soprane den ganzenAbend auf der Bühne stehen. Halevy entfaltet hier einen wunderbaren Reichthumder feinsten Nuancen; er wird da interessant, wo jeder Andere langweilig gewordenwäre, während er in andern Stücken langweilig wird, wo das Interessante mit Hän-den zu greifen war. Halevy hat keine Epoche begründet: seine Opern stehen nichtin jener unmittelbaren Wechselbeziehung zu den Stimmungen der Zeit, wie dieWerke Rossini's, Bellini's und Auber's. Er ist für den Musiker der anziehendste^ unter den neuen französischen Operncomponisten^ für den ästhetischen Culturhistoriker idagegen der bedeutungsloseste. Dies hat er mit vielen guten deutschen Operncompo-nistcn der Gegenwart gemein. So theilt er mit ihnen auch dbn Umstand, daß er instetem Conflict mit sich selbst schreibt, daß seine Schöpfungen ebenso oft eine Ver-leugnung seines Innern sind als ein getreues Spiegelbild desselben. Seine Bildungsteht über seiner Production: man merkt es ihm an, daß er dem Zeitgeschmäcke Con-cessionen macht auf Kosten seiner bessern Überzeugung. Er beginnt bereits zu expe-rimentiren. Man hätte denken sollen, als er in seiner „Jüdin" so große Erfolgeim heroischen und tragischen Stile errungen, er würde auf dieser Bahn fortschreiten.Statt dessen ist er sofort wieder davon abgesprungen, und hat sich in seinen „Mus-ketieren der Königin" und andern Werken aus die Conversationsoper geworfen, zuwelcher ihm fast aller innere Beruf, alle Naivetät, der leichte Fluß der Schreibartabgeht. Er verschwendet hier Line Fülle geistreicher Ideen und kunstvoller Arbeit,wo Oberflächlichkeit viel wirksamer gewesen wäre, ganz wie unsere deutschen Opern-componisten. Aus demselben Grunde ging auch sein neuestes Werk, das „ Thal vonAndorra" ziemlich wirkungslos über die deutschen Bühnen. Halevy's Melodien sindStückwerk: er opfert den Fluß des Gesanges jenem dramatischen Effect auf, dermehr in einer abgerissenen Recitation und in den Combinationen des Orchesters liegt.Dies ist ein echtfranzösischer Zug; schon der alte Lully hat in gleicher Weise verfah-ren. - Halevy verschmäht mehr als die andern modernen Franzosen die Coquetterie mitdem italienischen Gesang, worin er Berlioz am nächsten steht. Diese neufranzösischeSatzart, welche über dem dramatischen Ausdruck die Melodie vergißt, hat bereits dieersten Ansätze zu einer neuen Schule des Bühnengesangs gebildet, der wir eine großeZukunft weissagen möchten. Es ist dies jene Gesangschule, die wir kürzlich noch inDeutschland an dem ersten Tenoristen der großen Operru Paris, Roger, bewun-derten. Der Eesangvortrag erscheint hier in keiner Weise mehr als Selbstzweck, j
sondern nur noch als Mittel des dramatischen Ausdrucks: die Oper wird ein muss- '
kalisch recitirtes Schauspiel. So sind die neuen Franzosen auf dem völlig entgegen-gesetzten Punkte angelangt, als der war, von welchem die alten Italiener vor 13Ü