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Die moderne Oper.
Zähren den ersten großen Aufschwung der Oper begonnen haben. Uns dünkt aber,es liege eine innere Naturnothwendigkeit darin, daß das gesammte Opernwcsen diesemÜbergang in das musikalisch recitirende Schauspiel folge. Alle Zeichen deuten daraufhin. Die musikalische Behandlung der Oper in Deutschland, Frankreich und Italienwendet sich mit jedem Schritt entschiedener diesem Wege zu, und selbst die Kunstdes Gesangvortrags und der dramatischen" Verwirklichung der Oper auf der Bühnehat sich dem allgemeinen Zuge anschließen müssen.
Nie hat die französische Oper eine so große Rolle gespielt, wie in den letztver-gangenen Jahrzehnden. Ohne sich im reinästhetischen Betracht zu einer sonderlichenSelbständigkeit zu erheben, hat sie durch die musikalische Verkündigung eines Zdeen-kreises von weltgeschichtlicher Tragweite gleich dem Sauerteig im Evangelium gewirkt,der, so klein auch seine Masse, doch den ganzen Teig durchsäuert und in Gährungsetzt. So kommt es, daß wir die größten Resultate der modernen französischen Opernicht sowol bei den Franzosen als vielmehr bei den Deutschen und Italienern wahr-zunehmen haben, wie denn auch ein Deutscher, Meyerbeer, die französische Neuro-mantik aus den Gipfel ihrer Herrschaft geführt hat. Paris ist naturgemäß derMittelpunkt der modernen Oper geworden, nicht weil dort die höchsten Meisterwerkegeschaffen worden wären, sondern weil ein neues Princip des musikalischen Drama,,eine in der ganzen Culturgeschichte zündende Idee von dort ausgegangen ist.
Die Deutschen.
Wir gehen nun über zur deutschen Oper. Bis hierher konnten wir in großenGruppen zeichnen; wir hatten geschlossene Massen vor uns und durften uns auf dieSkizzirung der hervorragendsten Erscheinungen beschränken, da bei den zahlreichen,minder bedeutenden italienischen und französischen Operncomponisten ein genaueresEingehen eher verwirrend als orientirend wirken würde. Ganz anders ist es bei derdeutschen Oper. Jemehr wir uns hier der Gegenwart nähern, umsomehr verschwin-den die großen Gruppen, und eine ganze Schar sich durchkreuzender Einzelrichtungentritt an ihre Stelle; kleine Leute werden oft ebenso wichtig als die großen Meister,und statt einer Skizzirung in großen Zügen müssen wir uns jetzt, um das Charak-teristische zu treffen, in eine möglichst ausgeführte Detailmalerei einlassen. Statt daßuns bei der italienischen und französischen Oper die Bezüge des öffentlichen politischenLebens nicht selten zurechtweisende Wmke gaben, tritt hier die Wechselbeziehung derOper zum literarischen Leben in den Vordergrund, und wir finden eine Nation, beiwelcher die Literaturgeschichte auf ein ganzes Menschenalter hin die Stelle der Cul-turgeschichte vertritt, und zwar eine ebenso zerrissene, dem äußersten Particularismusverfallene Literaturgeschichte, wie es nur immerhin die neueste Geschichte unsers poli-tischen Daseins ist. Noch schwerer aber als im politischen Leben rächt sich im künst-lerischen der Particularismus. Trotz so vieler trefflicher Versuche, trotz einer über-ragenden innern künstlerischen Gediegenheit ist uns in der Oper das Scepter derWeltherrschaft, welches wir kaum durch Gluck und Mozart gewonnen hatten, wiederentrissen worden. Unsere Bühnen kamen dafür unter das Regiment zuerst der Ita-liener, dann der Franzosen; und während jedes bedeutendere Opernwerk rasch seinenWeg zu uns über die Alpen und über den Rhein findet, kann es höchstens dannund wann als eine Ausnahme erwähnt werden, daß eine neue deutsche Oper inParis oder gar in Italien zur Aufführung gekommen wäre. So gewaltig fällt auchhier die geschlossene Masse gegenüber den genialsten Einzelversuchen ins Gewicht!
Noch steht eine große Erscheinung, welche — als die letzte — eine compacteGruppe um sich vereinigte, an den Pforten der deutschen Oper der Gegenwart: KarlMaria von Weber. Seine Bühnenwerke haben eine nationale, eine politische Be-deutung: sie bezeichnen mit seinen Liedern im letzten verhallenden Nachklang jenenAufschwung der patriotischen Romantik, wie er durch die Befreiungskriege begeisternddie ganze Seele unsers Volks erfüllte. Die Oper war hier nicht der nationalenBewegung prophetisch vorangegangen, wie wir es mehrmals bei den Italienern und