570
Die moderne Oper.
Franzosen gefunden: sie hatte vielmehr zu einer Zeit, wo die edle Begeisterung imPolitischen und literarischen Leben bereits gebrochen war, wo die äußerste Erschlaffungan ihre Stelle zu treten begann, den hohen Ton noch einmal aufgenommen, um ihnmelancholisch im Gesänge verklingen zu lassen.
Weber war keineswegs der Erste, welcher die romantische Richtung in die Ton-kunst eingeführt. Darin war ihm Beethoven längst vorangegangen, und selbst inder Oper hatte Spohr weit früher sogar jene einseitige, ausschließliche Romantik, inwelche sich Beethoven's universeller Geist noch nicht einengen mochte, zur Geltunggebracht. Aber wie grundverschieden waren Weber's Opern von den Spohr'schen,wie ganz anders ihre Wirkung! Spohr war auch in der Oper der idealistische Ro-mantiker geblieben, geistvoll, aber abstract, vornehm, in kunstvoller Combination dendramatischen Effect erstickend; Weber dagegen schlug den volksthümlichcn Erundtonan, ließ jene subjective Innerlichkeit, die dem Deutschen so wohl behagt, in ihrerganzen Breite sich entfalten, und stellte eine schlaghafte dramatische Charakteristik überAlles. Man erzählt von Rossini, daß er in die Apenninen gegangen und den Lie-dern der Hirten gelauscht, wann er um neue Themen für seine Arien verlegen war.Weber ging noch einen Schritt weiter: er stellte die volksthümlichcn Lieder selbst stattder Arien in seine Opern. Was die productiven Romantiker der deutschen Literatur-geschichte anstrebten, theoretisch lehrten, aber praktisch nicht zu erreichen vermochten,das erreichte Weber in der Oper. Er entfaltete die nationale und volksthümlicheRomantik in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit und schlug damit wirklich bei dem Volkedurch. So kann man behaupten, daß die deutsche romantische Schule im engernSinge nirgend eine schönere Blüte getrieben habe als in der Weber'schen Oper.Wahrhaft überraschend erfüllte er in einer künstlerischen That alles Das, wasTieck und die Schlegel als die höchsten Federungen der romantischen Kunst aufgestellthatten. Das Mittelalter mit Nitterthum und Minne (^, Euryanthe"), mit der zar-ten Herzensmystik des religiösen Glaubens (Agathe im „Freischütz") zieht sammt derMärchenwelt des Ostens („Oberon") an unserm Blick vorüber, verklärt in dermodernen Zuthat lyrischer Sentimentalität. Selbst jene Ironie, von welcher dieRomantiker als von einem Hauptbestandtheil ihrer Dichtung soviel redeten, tritt inWeber's Opern in starken Anklängen hervor. Mehr noch entwickelte sie sich späterbei Marschner, dessen Bruder Tuck uns als eines der gelungensten musikalischenMuster dieser Ironie erscheint, wie wir weiter unten genauer erörtern werden. Wiedie Dichterschule der Romantiker als Opposition gegen den flachen poetischen undwissenschaftlichen Rationalismus auftrat, so verfuhr auch Weber in seinen Operngegenüber den durch und durch rationalistischen Schöpfungen eines Winter, Weigl,Gyrowctz, welche -die durchsichtige Klarheit der ältern wiener Tonschule zu einer Artvon hausbackener, Jfflandischer musikalischer Dramatik verflacht hatten. Mehr noch!Wie die literarischen Romantiker fast sammt und sonders auf dem Wege der Doctrinzu den Eigenthümlichkeiten ihrer Production sich durcharbeiteten, so war Weber wolder erste unter den bedeutendem deutschen Operncomponisten, welcher seine Kunstzum Gegenstände eines ästhetisch-wissenschaftlichen Studiums machte und sich auchschriftstellerisch nach dieser Seite bethätigte. Aber Weber's musikalische Romantik hattekeine so befruchtenden Vorbilder, wie sie die poetischen Genossen in Shakspeare, inDante, Boccaccio und Petrarca, in Calderon und Cervantes und den Dichterschätzendes Orient fanden: er mußte aus sich selbst schöpfen, und stellte darum ganz andereOriginalwerke ins Feld als jenp Schulromantiker. Und gerade bei der Bühnendichtungzeigten sich die romantischen Poeten am unfruchtbarsten; sie brachten trotz ihres Shak-speare-Studiums doch noch kein halbes Shakspeare'sches Drama auf die Beine. Hierspringt die Parallele von Weber ab und läuft auf Spohr hinüber. Spohr's Opernerscheinen, in der Partitur gelesen, als solche Musterwerke, daß man ihre verhältniß-mäßig geringe Bühnenwirkung oft kaum begreifen kann, ganz so wie die RomantikerDramen trefflich zum Lesen, nicht aber zum Darstellen gedichtet haben. Noch über-raschender gestaltet sich dieser Vergleich, wenn man ihn auf Spohr's neueste Opern