571
' Die moderne Oper.
' anwendet, die ganz und gar für das Partiturstudium wie jene Dramen für die Lec-
^ ture geschrieben zu sein scheinen. Es erklärt steh aber trotzdem leicht, wie die Ro-
mantik bei den Dichtern eine wahre dramatische Unfruchtbarkeit nachsichziehen, in der> Musik dagegen so epochemachende Opern wie die Weber'schen ans Licht rufen konnte.
I Denn gerade bei der großem Allgemeinheit des musikalischen Ausdrucks führte die
l Romantik hier in eben dem Maße zur scharfem Abgrenzung der Charakteristik in
der Oper, als sie im Drama die Charakterzeichnung aufs äußerste verwischte; ja dieromantische Richtung half erst das eigenste Wesen der Oper überhaupt aussprechen,, während sie andererseits mit den am meisten cultivirten Formen der Hähern Znstru-
l mentalmusik in einen gewissen Widerspruch trat. Auch ward durch die Romantik
die Musik mit der Poesie viel näher zusammengebracht, als es bis dahin je der Fallgewesen: sie half die für die Oper so wesentliche innige Verbindung beider in un-geahnter Weise herstellen. Wo eine so musikalische Poesie, wie sie Ticck und Anderegeübt, dem Tondichter entgegenkam, da mußte der steife, einseitige Musikant allmäligausgetrieben werden, und eine universellere künstlerische Bildung, die den Musikernam längsten abgegangen, ihren Einzug halten. Allein diese innigere Wechselbeziehungdes Textdichters zum Operncomponisten führte auch wiederum zu großen Misständen.In Paris, wo die Anfertigung der Operntexte in der Regel ganz fabrikmäßig be-trieben wird, hat sich dadurch eine handwerksmäßige Sicherheit in der Beschaffungdieses literarischen Jndustrieartikels festgesetzt, die dem Bedürfnisse des Komponistenvortrefflich entspricht. Dagegen isk der deutsche Meister, der schon mit dem musika-lischen Theile seiner Oper, statt auf feste Formen, auf allerlei Experimente hingewiesenwird, obendrein gar noch mit dem Text den schwankenden Versuchen mittelmäßigerDichter preisgegeben, die schon in dem Skelett des Libretto an poetische Ausführungund Jndividualisirung denken. Die durschlagenden Opern sind immer ihrem Texte nachvon einem monopolisirten dichterischen Fabrikherrn ausgegangen, und wären Mctastasiound Scribe nicht große Fabrikanten gewesen, so würden schwerlich die Epochen derOper, welche sich an ihre Namen knüpfen, so gewaltig durchgegriffen haben. Alsoauch hier wieder in Deutschland Particularismus, Klemkrämerei, Experimente!
Der Sieg des Weber'schen „Freischütz" im Anfang der zwanziger Jahre warnicht blos ein musikalischer, er war zugleich ein nationaler Triumph. In WebersRomantik war eine Erhebung des deutschen Geistes gegen die Weltherrschaft Rosst-ni's kundgegeben, welche damals auf dem Gipfel ihrer Macht stand. Die musikali-schen Romantiker Deutschlands traten darum in -eine ähnliche feindselige Stellunggegen Italien und seine Kunst, wie die romantische Dichterschule gegen Frankreich.Freilich hatte es sich dort auch noch um eine weit großartigere politische Gegnerschaftangesichts der Napoleon'schen Despotie gehandelt. Wie Tieck u>R> Schlegel in derfranzösischen Literatur das Urbild des Zopfs erblickten, so faßten Weber und seineGenossen den konventionellen Arienkram Nossini's auf. Wir finden daher bei Letzter«eben nicht jene Befreundung mit bei; Kunstformen des romanischen Südens, wie siedie romantische Dichterschule in ihrer Vorliebe für Sonette und Canzonen kundgab.Erst der neuern musikalischen Romantik war es vorbehalten, hier das Versäumtenachzuholen und, freilich nicht an Rossini, wol aber an Palesirina und den altenitalienischen Meistern bis auf Astorga und Pergvlese herab sich neue Kraft zu ent-zünden. Und was die romantische Dichterschule in Dante und Shakspeare gefunden,das fand die moderne romantische Musikrichtung durch Mendelssohn in den altenItalienern neben Bach und Beethoven, nämlich den Urkanon der romantischen Musik.
Die romantische Schule der Musik hat eben dadurch, daß sie sich der Oper soerfolgreich bemächtigte, ihre Zweige weit tiefer in die Gegenwart hineingetrieben, alsin der Poesie, und als ein glänzender Beweis der productiven Kraft der Romantikmuß hier erwähnt werden, daß sie durch die Oper auch wesentlich auf das Auslandbefruchtend wirkte; wie denn die französische Neuromantik unzweifelhaft weit größereAnregung in der Musik von Deutschland aus erhielt als in der Poesie.
So weit aber auch die Einflüsse Weber's greifen, so hielt sich die Oper doch