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Vierter Band.
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573
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Die moderne Oper. 573

Weber, was Rossini, Auber und Halevy erstrebt, was die revolutionairen Künstler-tendenzen einer ganzen Epoche ausgesprochen in den Formen dreier grundverschiedenerNationalitäten: das faßte Meyerbeer mit bewundernswerthem combinatorischen Talentzu einem kolossalen Ganzen zusammen. Greift man einzelne Bruchstücke aus seinengroßen Opern, dann kann man ihn hiernach kaum einen deutschen Meister nennen,denn er huldigt jenem musikalischen Kosmopolitismus, wie ihn die Opernbühne derWeltstadt Paris erzeugte. Betrachtet man aber die kühne Architektonik des Ganzen,dann muß man gestehen, daß nur der deutsche Geist solche Werke aus den sremd-artigsten Bruchstücken auszubauen vermochte. Berlioz hat Meyerbeer's Opern mitRecht eine musikalische Encyklopädie genannt, und mit ihnen beginnt in der Thatfür die moderne Oper eine Periode des äußersten Encyklopädismus. Aber wie vielWidersprechendes und Feindseliges sich auch in diesem Betracht in seinen Werken sammelt,wie wenig Neues im Einzelnen zutagekommt, so ist doch die wahrhaft großartigeMassenwirkung, welche sich darin offenbart, etwas Neues, etwas Zukunstverheißendes.Meyerbeer-hat nicht verschmäht, die innere Verderbthcit und Liederlichkeit der fran-zösischen Neuromantik in seinen Opern zu copiren; aber er hat auch die tiefe kunft-geschichtliche Berechtigung aus Anber's „Stummen von Portici" und aus Rossini's„Teil" herauszufinden gewußt; er hat die einzige große Wahrheit, welche diesenWerken zugrundeliegt, geahnt und in möglichster Erweiterung sich angeeignet: diekünstlerische Emancipation der Massen und die Wirkung durch die Massen. Undin diesem Sinne gelang ihm ein ungeheurer kunstgcschichtlicher Fortschritt, der Fort-schritt von der romantischen zur historischen Oper. Mag sein „Robert" immerhinnoch auf der erstem Stufe stehen: die „Hugenotten" und der „Prophet" sind inder That mehr als bloße romantische Opern. Weltgeschichtliche Gegensätze werdenuns hier entgegengeführt in musikalischer Dramatisirung. Der Gegensatz des Pro-testantismus und Katholicismus ist z. B. in den „Hugenotten" nicht blos als dra-j matisches Motiv benutzt, welches in der äußerlichen Entwickelung der Handlung her-vortritt, noch als das bloße Colorit und Costüm der Zeit: er bildet vielmehr zugleichden musikalischen Grundcharakter des ganzen Stücks. Die Oper hat es hier zum erstenmal gewagt, eine weltgeschichtliche That als eine musikalische zu versinnbildlichen, denWiderstreit zweier großen Ideen, welche die Gemüther durch ganze Jahrhunderte be-wegten, in dem Kontraste musikalischer Massen darzustellen. Ähnliches liegt in dermusikalischen Tendenz des „Propheten". Welch großartiger Fortschritt spricht sichhierin aus gegen has frühere Opernwesen! Die ganze Aufgabe der Oper ist durchMeyerbeer verrückt worden. Nicht mehr aus dem Conflicte der Leidenschaften beiden Individuen — und prangten dieselben auch mit historischen Namen, oder sei dieganze Oper charakteristisch in den Localtinten, wie wir es bei WeEr finden — nichtmehr hieraus kann die Oper der Gegenwart ihre Vorwürfe nehmen, wenn sie ihrehöchste Ausgabe lösen will: ihr musikalisches Thema ist bis zum Conflicte der Völ-ker, bis zum Conflicte ewiger Ideen in den Individuen erweitert worden.

Nun sollte man meinen, damit sei ja der modernen Oper ein ganz bestimmtesZiel gesteckt, damit sei jenes Umhertasten und Experimentiren überflüssig geworden,in welchem zur Stunde noch die ganze Gattung befangen ist. Allein das große! Problem, welches Meyerbeer den Musikern hingeworfen, ist noch von den Wenigsten

! geahnt, geschweige denn begriffen und verdaut. Meyerbeer selbst ist ein großer Re-

^ chenmeister, ein großer Baumeister wollen wir lieber sagen, ein Mann des durch-bildetsten Kunstverstandes, der erprobtesten Erfahrung, der lange genug experimentirthat, bis er endlich einen festen Standpunkt einnahm. Am Ende aber war es beiihm doch nicht das Durchdrungensein von der künstlerischen Idee, die er ausgespro-^ chen, es war nicht die glaubensstarke Überzeugung des Genius, welche ihn in diebezeichnete B.ahn getrieben, sondern die meisterhafte Berechnung des Effects. Sonur erklären sich die innern Widersprüche in Meyerbeer's Opern- die oft kleinlichreflectirte, unselbständige Ausführung im Einzelnen bei der großartigen Neuheit derzu Grunde liegenden Idee des Ganzen; so nur erklärt es sich, daß er die große