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Die moderne Oper.
Wahrheit, welche in den Werken der französischen Neuromantiker verhüllt lag, soklar herausgefunden und doch die ganze ästhetische Frivolität und Versumpfung der-selben bereitwillig mit in Kauf genommen hat; so nur erklärt es sich, wie derselbeTonsetzer in allem Einzelwerk, in allem schmückenden Zierath der deutschen Nationali-tät untreu werden und doch zugleich die deutscheste Tendenz der Oper als Grundioeeaussprechen konnte. Solange nicht ein Größerer kommt, der, über diesen Wider-sprüchen erhaben, die historische Oper, wie sie Meyerbeer prophezeit, aus einem Gusseschafft, solange werden wir immer noch auf den schwankenden Versuch hingewie-sen sein.
Deutschland besiht einen Meister, der Wohl begriffen hat, welche große Zukunftder Oper durch Meyerbeer's Werke verheißen ist: dies ist Richard Wagner. Deninnern Widerspruch der Stilmengerei Meyerbeer's, die Wühlerei mit der frivolenGenußsucht des pariser Publicums hat Wagner wohl erkannt, und aus seinen gro-ßen Tondichtungen leuchtet die Erkenntniß hervor, daß er in Beethoven einen vielgrößer» Meister der Neuromantik gefunden, als Meyerbeer in Auber und Rossini.Das ist ein bedeutender Fortschritt; denn es war in der That eine merkwürdigeVerblendung, daß unsere Operncomponisten so lange übersehen konnten, wie es janicht eigentlich die Franzosen, sondern Beethoven gewesen, der zuerst die musikalischeEmancipation der Massen, wenn auch nur in der Symphonie ausgesprochen. Ri-chard Wagner hat die große Errungenschaft Meyerbeer's in ihrer ganzen Ausdehnungdem deutschen Geist anzueignen gesucht. Allein noch ist sein Genius nicht in sichabgeklärt; noch ist auch er in innern Widersprüchen befangen, wennschon in Wider-sprüchen ganz anderer Art, als wir sie bei Meyerbeer gesunden; noch fehlt ihm jeneklare Architektonik, in welcher Meyerbeer auch die gewaltigsten Massen zu gliedernund zu beherrschen weiß. Darum haben sich seine Opern noch nicht zum Gemein-gut der deutschen Bühnen machen können: sie konnten nicht das große Publicumelektrisiren, weil sie ihm nicht jene Concessionen zugestehen, wie Meyerbeer es gethan.Aber für den Kunsthistoriker bleiben sie darum höchst merkwürdige Erscheinungen,Versuche, die, wenn auch in sich unvollendet, dennoch den Weg andeuten, auf-wel-chem die deutsche Oper ihrer größten Zukunft entgegengehen kann.
Während sich so aus der romantischen Schule eine Richtung entwickelte, dieder Lösung der höchsten Probleme des Drama in der Oper nachging, versuchte manes auf der andern Seite, diese Kunstgattung aus die bescheidenen Ansprüche frühererZeit zurückzuführen, und durch den Reiz äußerer Anmuth, durch das Hervorhebendes Interessanten dem oberflächlichen Verständniß der Menge gefällig zu sein. WennMeyerbeer encyklopädisch verfuhr, um Alles, was andere Nationen an überraschen-den, blendenden und wirklich großartigen Effecten ersonnen, in einem Rahmen zuvereinigen, dann borgten diese Meister noch viel mehr bei Italienern und Franzosen,wo es anmuthige Formen und einen sinnlich lüsternen Ausdruck galt. Ein solchesStreben ist just nicht neu, und an Eklektikern dieser Art hat es der deutschen Operniemals gefehlt. In der neuern Zeit hatte schon Reisiger, der so geistreich die Vor-züge verschiedener Stilarten zusammenzuschmelzen wußte, Opern geschrieben, in wel-chen die spröde Opposition Weber's gegen Italien fast in das Gegentheil umgeschla-gen schien. Auch Lindpaintner war nach dieser Seite thätig gewesen, einer ganzenAnzahl untergeordneter wiener Componisten gar nicht zu gedenken. Ist doch Rei-siger einer der letzten deutschen Meister gewesen, welcher dem alten Herkommen,italienische Operntexte zu componiren, ein Genüge leistete, wie er denn sogar nocheinen Text Metastasio's in Musik gesetzt hat, freilich zu einer Zeit, wo auch in Dres-den noch jene italienische Oper bestand, deren Stammbaum in gerader Linie aufHasse zurückgeht. So wurde auch lange genug dieser Hang zur'Ausländerei, derin der Oper andauernder als in irgend einem andern Kunstzweige währte, durchfremde, in Deutschland akklimatisirte Meister, wie Morlacchi, Chelard und Andere,lebendig erhalten. Man hätte aber nicht erwarten sollen, daß sogar in der neuestenZeit, wo doch das nationale Bewußtsein in allen Künsten so schroff sich geltend-