Die moderne Oper. 575
macht, deutsche Operncompomsten in durchweg französischem oder italienischem Stileschreiben und obendrein großes Glück machen würden. In dieser Beziehung sindFlotow's Opern merkwürdig. Wenn wir nicht anderswoher wüßten, daß Flotowein Deutscher wäre, so würden wir es, aus seinen Opern schwerlich errathen können.Und doch haben diese leichtfließenden aber charakterlosen, halb italienischen, halb fran-zösischen Melodien rasch den Weg durch ganz Deutschland gefunden; doch haben sichdiese Opern, deren höchste Intention dahin geht, bühnengerecht und interessant zusein, auf allen deutschen Theatern eingebürgert. Etwas Ähnliches wäre im Gebieteder bildenden Kunst oder der Poesie nicht möglich gewesen. Es bezeichnet eben ganzdas Wesen der Oper, als einer in sich noch sehr unklaren Kunstgattung, daß solcheErfolge, die dem künstlerischen Nationalgesühle ins Gesicht schlagen, hier möglich sind.Wenn ein Zrländer wie Balfe seinen Stil von den Italienern und Franzosen ent-lehnt, dann kann man ihm dies nicht verargen; aber bei den Komponisten einer mu-sikalisch selbständigen Nation sollte man andere Federungen stellen. Leider ist dieReihe der in den Banden fremdländischer Opernmusik befangenen deutschen Opern-componisten immer noch eine sehr ansehnliche.
Eine ganz eigenthümliche Bahn hat Lorßing eingeschlagen. Auch er ist Eklek-tiker, aber nicht sowol in der Art, daß er die Schreibart der verschiedenen musikali-schen Nationalitäten untereinandermischte, sondern vielmehr den Stil verschiedenerZeitalter. Er wollte komische Opern setzen. Die Tradition der deutschen komischenOper war aber fast ganz erloschen, und unter den Zeitgenossen würde er sich verge-bens nach einem Muster umgesehen haben. Er griff daher zurück in jene Tage, wounsere komische Oper in der That eine gar sinnige Blüte entfaltet hatte, in dieMozart-Haydn'sche Periode; er nahm dazu den gemüthlichen Ton des Volkslieds,wie ihn Weber zuerst auf die Bühne gebracht, und verschmähte es auch nicht, zurhöhern Würze etwas moderne Romantik dazwischenzustreuen.. So kam, wenn auchnichts Originelles, doch immerhin etwas ganz Freundliches zustande, obgleich esauch bezeichnend genug ist für unsere Armuth im Fache der komischen Oper, daßdiese Werke Lortzing's fast ausschließlich das Feld behaupteten. Die zahllosen miß-glückten Experimente haben eben das Publicum so genügsam gemacht, daß es miteiner praktisch und verständig geordneten Oper sich gar rasch befreundet, während sogeniale, nach hohen Zielen ringende Versuche, wie die Richard Wagner's, kaum eini-gen Eingang zu finden vermögen. Zur Bestätigung möge auch der überraschendeErfolg dienen, mit welchem Gustav Schmidt's „Prinz Eugen", so ziemlich in derLortzing'schen Weise gearbeitet, nur daß er obendrein noch einigermaßen nach derfranzösischen Schreibart hinüberspielt, auf fast allen deutschen Theatern durchgedrun-gen ist.
Eine große Zahl bedeutender Talente hat sich nach allen Seiten hin zersplittert:wollten wir näher auf sie eingehen, so bliebe uns kaum etwas Anderes übrig, alsvon jedem Einzelnen eine specielle Charakteristik zu entwerfen, und dies oft wegenweniger Werke, die vielleicht auf einer einzelnen Bühne zur Äufführung gekommensind. Wollten wir aber blos ihre Namen nennen, so würde der Leser wiederumnichts gewinnen, denn Vollständigkeit ist hier geradezu unmöglich. Dies eben ist dastragische Schicksal des modernen deutschen Operncomponisten, daß Deutschland wieder politischen, so auch der musikalischen Einheit entbehrt^ daß kein großartiger Mit-telpunkt vorhanden ist, wo sich die bedeutendern Meister sammeln und zu gemeinsa-mem Ziele vereinigen könnten. Ist es doch bei der Kümmerlichkeit unserer künstleri-schen Existenz den meisten deutschen Tonsetzern nur vergönnt, sich so beiläufig derKomposition einer Oper widmen zu können! Die Italiener würden wahrlich auchnicht jenen praktischen Griff, jenes sicher zutreffende technische Geschick in der Opergewonnen haben, wenn sie nicht stets nur Opern und nichts als Opern componirthätten. Der deutsche Operncomponist steht inmitten einer literarischen und kunst-wissenschaftlichen Sprachverwirrung,' welche ihn herüber- und hinüberzerrt, ihm heutedieses, morgen jenes Ziel als das höchste vorhält, und die Gelegenheit, bei aller theo-