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Vierter Band.
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576 Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung.

Mischen Meisterschaft sich praktische Sicherheit zu erringen, ist ihm abgeschnitten. Erist nicht mehr naiv, nicht dreist, nicht impertinent genug, um wie der Italiener sorg-los in den Tag hineinzumusiciren, und doch fehlt ihm auch die Festigkeit einer vollenkunstwissenschaftlichen Überzeugung. So muß er dann immerhin noch eine Weilefort Versuche machen und durch Fehlgriffe sich auf die theuerste Weise selbst beleh-ren. Dessen aber mag er sich getrosten, daß die deutsche Oper trotz ihres schwan-kenden Zustandes einer bedeutenden Zukunft entgegengeht. Die italienische und fran-zösische Oper nimmt wider Willen mehr und mehr deutsches Element in sich auf. ^Klagen doch die Italiener, daß selbst Verdi's neuestes Werk, der sonst dem deutschenGeiste nicht sonderlich wahlverwandt ist, allzu deutsch gerathen sei! Es gilt zunächst-er großen Aufgabe, die historische Oper, wie sie Meyerbeer begonnen, zu läuternund selbstbewußt durchzubilden, und dies ist eine Aufgabe, die entweder ein deutscherMeister lösen wird, oder sie wird ewig ungelöst bleiben.

Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung.*)

* Die Wahlen.

Äm 1. Mai 1848 hatten die Wahlen zur preußischen Nationalversammlung statt-gefunden. Es war das erste mal, daß das Volk in seiner Gesammtheit ein so wich-tiges Recht ausübte, und man konnte demnach auch auf manche Misgriffe gefaßtsein. Dazu kam, daß die Wahlen noch unter dem Eindruck der gewaltsamen Er-schütterungen vorsichgingen, und die Leidenschaften der Parteien in der verschiedenstenRichtung thätig waren. Die Parteiführer richteten natürlich ihr Hauptaugenmerkauf die Massen: in den Städten auf die Arbeiter, außerhalb aus die Bauern. Vorallem bemühte sich die radicale Partei ihren Einfluß geltendzumachen, was in denStädten nicht schwer fiel, indem hier die Arbeiter durch die Presse und die Clubswachgehalten wurden. Auf dem Lande sah es hingegen für den Radicalismus be-denklicher aus: der Landadel und die Beamten vermochten dort der demokratischenSache entgegenzutreten. In einzelnen Gegenden, deren Bewohner sich besonders durchihre Anhänglichkeit an den König auszeichneten, hatte in der That jene ultraroyali-stische Partei die' Vorgänge in der Hauptstadt ausgebeutet, und 'den Bauer durchübertriebene Schilderungen zu gewinnen gewußt. Im Allgemeinen aber sah es aufdem Lande anarchischer aus als in den Städten. In einem Staate, wo der Bauernoch durch alte Privilegien der Gutsherren zu allerlei drückenden Leistungen verpflich-tet, ist es nicht schwer, ihn für eine Revolution zu gewinnen, die ihm die Befreiungvon seinen schweren Lasten in Aussicht stellt. Namentlich in der Provinz Schlesien,in der sich die Bauern mancher Orte selbst von den Abgaben losgesagt und dieGutsherren zu Concessionen gezwungen hatten, war die demokratische Partei über-mächtig. In der Rheinprovinz hingegen arbeiteten andere Mächte. Dort herrschtenoch das alte Mistrauen gegen das protestantische Altpreußen, und der katholischeKlerus besaß einen unumschränkten Einfluß auf den Landmann, der indessen im Ver-hältniß zu seinen Standesgenossen in den andern Provinzen besser und freier gestelltwar. In den Städten dieser Provinz, namentlich in den Fabrikdistrictcn, hatten die

*) Dieser Artikel bildet ein fortlaufendes Ganzes mit den frühern Artikeln, der „Gegen-wart": „ Preußen vor dem Februarpatent von 1817.", im zweiten Bande, »S. 30—89;

Preußen und der Vereinigte Landtag im Zahre 1817", im dritten Bande, S. 208—276;„Die Märzrevolution in Preußen", im vierten Bande, S. 286—305. D. Red.