Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung. 581
keinen Antrag aus. Es wäre dies auch nicht gerechtfertigt gewesen; denn wenndem Ministerium so sehr daran lag, sich vor der Versammlung zu rechtfertigen, sokonnte man fragen, warum es nicht mit einem Rechenschaftsbericht vor dieselbe hin-getreten war. Zum großen Erstaunen der Versammlung machte nun der Finanz-minister aus der Adreßfrage eine Cabinetsfrage. Eine Versammlung, deren Mehr-zahl mit den parlamentarischen Sitten ganz unbekannt, überraschte man mit einersolchen Frage: dies erschien mit Recht als ein moralischer Zwang. „Wenn die Ver-sammlung", erklärte Hansemann, „dem Ministerium die Gelegenheit verweigern^ sollte, vollständig zu erläutern, welche Grundsätze es hat, weshalb so oder so gehan-delt oder nicht gehandelt worden, wenn dem Ministerium verweigert wird, bei Gele-genheit der Adreßdebatte anzugeben, welche Maßregeln es vorbereitet, welche bereitsin der Ausführung sind, um die neuen Grundsätze in das Leben zu führen; wennalso, mit einem Wort, die Adreßdebatte seitens dieser Versammlung verweigert wird,so würde dies eine Schwächung für die Regierung sein, bei welcher sie nicht imStande, die Zügel des Staats zu führen. Es ist dies eine Frage des Bestehensdes Cabinets." Die äußerste Linke, der es eben um den Sturz des Cabincts zuthun war, griff die gebotene Gelegenheit natürlich auf. Ein Mitglied derselben, Mätzeaus Schlesien, sprach in sehr heftiger Weise gegen den Erlaß einer Adresse und er-klärte schließlich, eine Antwort, die in Stillschweigen bestehe, sei auch eine Antwort.
> „Wir verlangen, daß eine andere Antwort gegeben werde", erwiderte Camphausen,der sich nunmehr Hansemann anschloß; „und es hat sich darüber der Finanzminister
l nicht nur in seinem Namen, sondern im Namen des ganzen Ministeriums ausge-sprochen." Durch diese Taktik war die Majorität schwankend geworden; Viele stan-den an, sich Das abzwingen zu lassen, was sie sonst freiwillig gegeben hätten. DieLinke verlangte die Vertagung, weil das Ministerium aus einer einfachen Frage un-j erwartet eine Cabinetsfrage gemacht, und man die Sache also reiflich überlegen müsse.Das Ministerium widersetzte sich aber diesem Antrage. Ein Mitglied des linkenCentrums, von Berg, ein junger katholischer Geistlicher aus der Rheinprovinz, ver-wahrte sich, als wolle er dem Ministerium etwa ein Vertrauensvotum geben, indemer für den Erlaß einer Adresse stimme. Hätte die Versammlung schon seit längererZeit getagt, sodaß es möglich gewesen, Diejenigen zu kennen, welche etwa das Mi-nisterium ersetzen könnten, so würde der Adreßantrag ohne Zweifel verworfen wordensein, denn keine Partei im Lande war mit dem Ministerium zufrieden. Aus Be°sorgniß, es dürften sich kaum andere Minister finden, ward denn eine Commissionernannt, welche den Adrcßentwurf abfassen sollte. Dieser Sieg gereichte dem Mini-sterium wenig zur Ehre und diente nur dazu, die Majorität ihm abwcndigzumachen.
! Die Fractioncn der Versammlung; unpolitisches Verhalten der Minister; die Rückkehr desPrinzen von Preußen und dessen Eintritt in die Versammlung.
Die Versammlung hatte sich nach den ersten Sitzungen schon in drei großeFractionen gespalten: man unterschied eine Rechte, ein Centrum und eine Linke.
> Rechte und Linke fingen an, sich mit großer Leidenschaftlichkeit zu bekämpfen, sodaßl die Würde der Versammlung oft darunter zu leiden hatte. Während die Linke die
Versammlung mit Interpellationen über Nebendinge ermüdete und das Ministeriumfortwährend theilweise mit ungerechten Anschuldigungen überschüttete, setzte die Rechtediesem Treiben eine ebenso unparlamcntarische Haltung entgegen, indem sie die Gegnerdurch Zischen und Scharren mit den Füßen einzuschüchtern suchte. Seitens des Mi-nisteriums geschah nichts, um die Versammlung zu einer entschiedenem Haltung zubringen. Weder legte es Gesetze vor, welche per Thätigkeit der Versammlung einewürdige Richtung gaben, noch näherte es sich dem conservativen, aber doch freisinni-' gen Kerne derselben, um sich eine Majorität zu bilden. Es überließ die Versamm-lung sich selbst und machte ihr dennoch versteckte Vorwürfe, weil sie nicht vorwärtsschreite. Dies geschah nämlich in der Sitzung vom 5. Juni, wo der Finanzministerinterpellirt wurde, ob die Regierung die Ausschreibung einer Zwangsanleihe beabsich-