Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung. 583
Folgt dieser Überraschung die Berathungen eine Unterbrechung erlitten. Die Rechtewollte sich erheben, den Prinzen zu begrüßen, wahrend die Linke, die in dem Prinzennur den Abgeordneten sehen wollte, „Sitzen bleiben" rief. So brachte die Taktlo-sigkeit der Rechten eine äußerst peinliche Scene zuwege. Eben hatte ein Rednerdie Tribune verlassen, als der Prinz das Wort begehrte; mit richtigem Takte er-theilte der Präsident „dem Abgeordneten des wirsitzer Kreises" das Wort. DieWorte des Prinzen waren leider nicht glücklich gewählt. Er sprach seinen Dank fürdas Vertrauen aus, welches ihn in die Versammlung berufen, und wodurch es ihmmöglich werde, die Abgeordneten willkommenzuheißen. Die constitutionelle Monar-chie sei die Regierungssorm, welche der König zu gehen vorgezeichnet habe: er werdeihr seine Kräfte weihen, wie dies die Pflicht eines jeden Vaterlandsfreundes und auchdie seinige, als des ersten Unterthans des Königs, sei. Der Prinz erklärte, seineübrigen Geschäfte würden ihm nicht erlauben, an den Sitzungen regelmäßig theilzu-riehmen, weshalb er den Präsidenten ersuche, seinen Stellvertreter einzuberufen. Erschloß mit dem Wahlspruch: „Mit Gott, für König und Vaterland." Diese Wortemachten den unglücklichsten Eindruck, vollends der Wahlspruch am Schlüsse, welchendie reactionaire Partei als den ihrigen aufgestellt hatte. Unter ähnlichen taktlosenDemonstrationen der beiden extremen Seiten, wie beim Eintritte, verließ der Prinzdie Versammlung, um sie nie wieder zu betreten. Der ungünstige Eindruck, denjenes Ereigniß im Publicum machte, fiel mit Recht auf das Ministerium zurück, daSdie Mittel in Händen hatte, auf die äußern Formen des Erscheinens und aus dieWorte des Prinzen, Beides von großer Wichtigkeit in Betracht der Zcitverhältnisse,Hinzuwirken.
Der Streit über die staatsrechtliche Stellung der Versammlung; die Debatte über dasDankvotum an die Märzkämpfer und die Bedeutung der Märzereignisse; der Unfugvor dem Sitzungshause in Folge des Ausgangs dieser Verhandlungen.
Unter dem frischen Eindruck dieses Ereignisses geschah es, daß die Versammlungvon einem Antrage der aufregendsten Natur ergriffen wurde. Die Gesichtspunkte,von welchen aus die Abgeordneten die Stellung der Versammlung auffaßten, warensehr verschieden: sie hingen folgerecht mit der Art und Weise zusammen, wie manLie Bewegung vom 18. März auffaßte. Die Einen sahen in den Märzbegebenheiten«inen gewöhnlichen Krawall; alle Freiheiten, die man hatte, verdankte man hiernachder Gnade des Königs. So dachte vorzugsweise die rechte Seite der Versammlung.Ganz entgegengesetzt meinten die Andern, am 18. März habe eine Revolution statt-gefunden, welche nur vor dem Throne stehen geblieben, in Folge deren aber dasVolk souverain geworden. Im Gegensatz zu dem frühern Zustande der unumschränk-ten königlichen Machtvollkommenheit müsse nunmehr das Princip der unbedingtenWolkssouverainetät zur Geltung kommen. Das war die Ansicht der äußersten Lin-ken, unterstützt hierin von außen durch die Doctrinen, welche die demokratischen Club-redner bei den Massen verbreiteten. Während also die Einen die Versammlung alseine berathende betrachteten, deren Beschlüsse die Krone nach Belieben sanctioniren-oder nicht sanctioniren könne, wollten die Andern aus ihr eine Constituante machen,welche die Verfassung unbedingt festzustellen habe. Die Gemäßigter» unter den Ra-dikalen, welche die Beschlüsse des Vereinigten Landtags anerkannten, also auch dasWahlgesetz vom 8. Apr., ließen eine Art Vereinbarung zu: diese bestand aber lediglichdarin, daß die vollendete Verfassung vom König sanctionirt werde. Die vom Mini-sterium Camphausen erfundene „Vereinbarung" war aber die Ursache dieser allge-meinen Jdcenöerwirrung. Das Wort Vereinbarung konnte doch nur den Sinn ha-ben, daß Krone und Versammlung in dem Verhältniß zweier gleichberechtigten Kon-trahenten ständen, von denen Jeder das Recht besitze, die Vorschläge des Andernanzunehmen oder zu verwerfen. Was sollte aber geschehen, wenn die Krone die Vor-schläge der Versammlung nicht annähme? Auf diese Frage mußten die Gemüthernolhwendigerweise hingeführt werden in einer Zeit, wo die Furcht vor Reaction so