1 Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung. 601
angeblich von der reactionairen Partei angestachelt worden, auseinandergesprengt, wo-bei Viele der Versammelten schmähliche Mißhandlungen erlitten. Diese Vorfälle er-^ bitterten das berliner Volk im höchsten Grade, und einige Führer der demokratischenPartei benutzten die Stimmung, um ihre Ausfälle gegen die Reaction zu rechtfer-,tigen. Am Abend sammelten sich wie gewöhnlich ungeheure Massen in dem Stadt-theile Unter den Linden. Man hielt hier heftige Reden gegen die Regierung, undbegab sich endlich nach dem Hotel des Ministers des Innern, der seiner strengenPolizeimaßregeln wegen besonders unbeliebt war. Der Eingang des Hotels wurde* sorcirt, und als man den Minister nicht fand, zog die Masse nach dem Hotel des
i Ministerpräsidenten, bei dem eben Empfangsabend war. Auch hier wurden thätliche
s Excesse begangen, man warf mit Steinen in die Säle. Angestiftet schien die Sache
» zu sein, denn es mußte auffallen, daß man gerade einen Abend benutzt, wo die Of-
!? fizicre der Bürgerwehr zu einem Feste vor der Stadt versammelt waren. Erst spät
! daher kam die Bürgerwehr herbei und zerstreute endlich die Hausen. Mit allgemei-
! nein Unwillen und mit Trauer vernahm man die Kunde von diesen rohen Gewalt-
thaten, welche nur zur Unterdrückung der Freiheiten führen konnten. Das Ministe-rium war also in seinem Rechte, wenn es die lange versäumte Pflicht endlich nach-> zuholen suchte. Allein nichts ist schädlicher, als unter dem Eindruck von Ereignissenund in Hinblick auf diese Gesetze geben zu wollen. Am 22. Aug. kündigte derMinisterpräsident ein Tumult- und Versammlungsgesetz an, das noch im Laufe desTags dem Präsidenten zugehen werde: er wünschte, daß dasselbe schon in der folgen-den Sitzung berathen würde. Die Majorität war durchaus bereit, dem Ministeriumkräftigere Gesetze zu votiren, nur aber,wollte sie nicht unter dem Terrorismus äußererEreignisse Freiheiten beschränken. Sie erkannte in der Sitzung vom 24. Aug. dieDringlichkeit des Gesetzes an, ließ jedoch den Gesetzentwurf, der auf den ersten Blickf sich als sehr mangelhaft erwies, den ordnungsmäßigen Gang in die Abtheilungen
^ gehen: sie mußte dies umsomehr thun, als der Präsident gegen das Reglement ge-
^ fehlt hatte, indem er den Entwurf schon den Abtheilungen zugewiesen hatte, noch
ehe derselbe im Plenum verlesen worden. Auch das Ministerium beruhigte sich zu-letzt und erklärte, es wolle keine übereilte Berathung.
Inzwischen hatte die Versammlung ein anderes, wichtiges Gesetz berathen, näm-lich das zum Schutze der persönlichen Freiheit. Das Ministerium hatte sich die' Initiative dazu entgehen lassen; Waldeck hatte es eingebracht und Minister Kühlwet-! ter sich anfänglich der Dringlichkeit widersetzt. Die Versammlung beschloß aber des-sen schleunige Berathung, welche in den Sitzungen vom 22., 23. und 26. Aug.stattfand, und wobei sich auch das Ministerium betheiligtc. Am 28. Aug. wurdei das Gesetz einstimmig angenommen. In der Sitzung vom 28. begann auch die
Berathung über das langersehnte Bürgerwehrgesetz. Diese Arbeiten wurden aberalsbald durch ernste Conflicte unterbrochen, mit denen die preußische Versammlungin ein neues Stadium trat. Jemehr nämlich die Nation aus der ersten Aufregung,die von politischen Bewegungen unzertrennlich ist, herausgetreten war und sich nachder Befestigung der öffentlichen Zustände sehnte, destomehr sonderten sich auch dieParteien im Lande. Es bildeten sich drei große Fractionen, die von Tag zu Tagdeutlicher mit ihren Absichten hervortraten. Die erste dieser Richtung umfaßte diePartei des alten Systems mit seinen Ständen, seinen Adelsprivilegien, seinen Mili-tairvorurtheilen, seiner Bean.tenunfehlbarkeit; sie war verhältnismäßig an Zahl gering,besaß aber doch großen Einfluß, da die höher» Ämter ihr nach wie vor gehörten.Namentlich wirkten die Landräthe, meist adelige Gutsbesitzer, für diese Partei. Dasliberal-bürgerliche Ministerium war der Partei ein Dorn im Auge, weil es mit sei-nen Planen einer Aufhebung der Grundsteuerbefreiungen und der Aushebung derbäuerlichen Lasten ihre materiellen Interessen bedrohte. Überdies aber sahen dieMänner des alten Systems in dem repräsentativen Constitutionalismus den völligenUntergang ihrer Macht. Anfänglich schüchtern, trat diese Partei im Laufe des Som-mers mit großer Sicherheit auf. Unter Leitung Bülow-Cummerow's wurde eine Art