Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung. 607
rende und keine legislative, die königliche Prärogative der Auflösung der Kammerdaher nicht versucht werden könne. Die Versammlung solle ihre Gewalt weder zurUngebühr ausdehnen, noch zur Ungebühr unterordnen; beide Klippen vermeide sieaber, wenn sie das Tamnau'sche Amendement annehme. Ein anderer Redner derRechten, Baumstark, gab gern zu, daß das Ministerium nicht ganz, wie es gesollt,gehandelt habe, stimmte ihm aber darin bei, daß es nicht verpflichtet gewesen, denBeschluß unbedingt auszuführen; man solle an die Gefahr denken, die aus einer
> Ministerkrise entstehen könne.
! Nun ergriff Hansemann, der, obgleich krank, doch in der Versammlung erschie-
nen war, das Wort. Wenn die Versammlung von dem Grundsatz ausgehen wolle,daß Alles, was sie beschließe, auch bis ins Detail hinein ausgeführt werden müsse,so würde die Freiheit dadurch im höchsten Grade gefährdet werden. Nichts sei ge-fährlicher als der Absolutismus, gleichviel ob er von einer Person oder von einemKollegium ausgeübt werde. Gegen die Vorwürfe, die gegen die Verwaltung desMinisteriums gerichtet worden waren, suchte Hansemann sich zu rechtfertigen, indemer anführte, was das Ministerium seit seinem Amtsantritte gethan; er fragte, obdenn ein Ministerium aufzufinden sei, das in der gleichen Zeit mehr geleistet hätte.Nun kam er aus die Vorfälle in Schweidnitz. „Ja, meine Herren", rief er aus,„gefehlt haben wir am 9. Aug., und ich will es Ihnen gern bekennen. Es sind dieseAnträge gestellt worden, die jetzt die Verlegenheit bereiten, und das Ministerium hatgeschwiegen — das ist der Fehler, den ich anerkenne. Aber nun auch die Ent-
> schuldigung! Es ist von uns nicht geglaubt worden, daß diese Beschlüsse die Majo-rität der hohen Versammlung erhalten würden. Wir haben geglaubt, daß diese Be-schlüsse der Art wären, daß sie eine Majorität, ohne daß wir auf die Gefahr der
! Folgen aufmerksam machten, nicht erlangen könnten, und darin haben wir uns ge-
^ täuscht." Er suchte nun zu zeigen, daß im Wesentlichen der Wunsch der Versamm-
lung bereits erfüllt worden; es handele sich also nur darum, daß man dem Mini-sterium etwas ganz Specielles zur Vorschrift machen wolle. „Danach", meinte er,
I „möge denn ein Ministerium künftig verwalten, wir thun es nicht; ein solches Mi-! nisterium würde nichts Anderes sein als ein Vollziehungsausschuß für die Beschlüssedieser Versammlung." Er beschwor die Versammlung, sich zu mäßigen und nichtum einer solchen Kleinigkeit willen einen Conflict herbeizuführen. „Ich sage Ihnen",schloß er, indem er auf die Linke zeigte, „ Europa, Deutschland wird einen Beschluß,wie Sie ihn von dieser Seite her fassen wollen, nicht für weise halten; Sie werdendadurch die Regierung des Landes, in welchen Händen sie auch sei, schwächen, undin dieser Schwächung der Regierung wird Preußens Einfluß fallen, wird PreußensStern möglicherweise sinken!"
Von der Linken trat jetzt Bücher auf, der mit der ihm eigenen feinen Ironiedie Einwürfe Hansemann's und der Rechten zu widerlegen suchte. Indem er sichgegen Diejenigen wandte, welche die rechtliche Befugniß der Nationalversammlungi bestritten hatten, weil das Wahlgesetz vom 8. Apr. sie nur berechtige, die Verfassungzu vereinbaren, bemerkte er: er müsse eine solche Auffassung der Dinge als eine sehrnaive bezeichnen. „Die Weltgeschichte wird schwerlich an den Schranken einesWahlgesetzes stehen bleiben. Eine neue Zeit braucht ganz andere Fundamente alsein Blatt in der Gesetzsammlung. Ich gehöre selbst dem Iuristenstande an und mitNeigung; aber ich habe schon öfter Anlaß gehabt zu bedauern, daß wir hier so zahl-reich vertreten sind. Wir bringen nur zu leicht den beschränkten richterlichen Stand-punkt mit, wir legen nur zu leicht den beschränkten richterlichen Maßstab an die un-geheuren Fragen, die wir, wenn auch nicht lösen, doch in ihre Lösung hineingezogenwerden. Wir können, wir dürfen nicht verfahren wie der Richter, der mit scrupu-loser Prüfung aus den vorhandenen, für ihn »«tastbaren Gesetzen sein Urtheil ab-leitet, sondern wir müssen mit staatsmännischem Sinne die Nothwendigkeiten erkennen,
, unsern Beruf erkennen, der vielleicht beispiellos dasteht, den Beruf, die Konsequenzeneiner nicht fertiggewordenen Revolution im friedlichen Wege der Gesetzgebung herbei-