608 Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung.
zuführen. Halten wir DaS fest, so werden wir leicht den Umfang unserer Rechte,oder besser unserer Pflichten erkennen. Es ist soviel die Rede von unsern Befug-nissen, unsern Rechten. Sprechen wir auch einmal von unsern Pflichten gegen dasVolk, das aus tausend Wunden blutet." Der Redner ging nun die Krebsschädendes von der alten Regierung hinterlassenen Staats durch und fragte, ob dabei nurdie Rede davon sein könne, ängstlich die Form der Abhülfe zu suchen. Die altenWerkzeuge der Regierung könnten oft dem Ministerium kein getreues Bild der Zu-stände geben, wol aber die Versammlung, die das eigentliche Volk vertrete. DerMinisterpräsident habe auszuführen gesucht, daß die Ansicht des Ministeriums und derMajorität der Versammlung eigentlich dieselbe sei: er vermöge dies nicht einzusehen.Am 9. Aug. habe die Versammlung einen Beschluß gefaßt, derselbe sei nach zweiTagen dem Ministerium zugegangen. Das Ministerium habe es nicht für nöthiggehalten, darauf zu antworten. Wenn es wenigstens sein Bedenken ausgesprochen,sich darüber geäußert, daß es an der schroffen Form des Erlasses Anstoß finde, unddie Versammlung veranlaßt hätte, die' Sache nochmals in Erwägung zu ziehen, dieForm des Beschlusses in eine mildere Form zu bringen, dann würde die Lage derSache eine ganz andere, eine glücklichere für die Versammlung und das Land ge-worden sein. Von Dem sei durchaus nichts geschehen. Die Versammlung habe diePflicht gehabt, das Ministerium darauf aufmerksam zu machen, daß es die Zuständeund Bedürfnisse des Augenblicks nicht richtig würdige, und da das Ministerium die-sem Rathe nicht gefolgt sei, so müsse sie das Ministerium beauftragen, den Beschlußauszuführen; denn eine constituirende Versammlung, solange sie keinen Vollziehungs-ausschuß besitze, habe kein anderes Organ als das Ministerium. Was den Inhaltdes Beschlusses beträfe, so könnte von einer Änderung nur die Rede sein, wenn dieUmstände, die denselben vor vier Wochen dictirt hätten, jetzt nicht mehr dieselbenwären. Dies sei aber nicht der Fall. Der Finanzminister habe gesagt, man dürfesich um die politische Gesinnung der Offiziere nicht bekümmern, da das Heer nureine gehorchende Macht sei. Aber gerade deswegen dürfe es nicht geduldet werden,daß einzelne Führer des Heeres offen Tendenzen verfolgten, welche dem herrschendenSysteme zuwiderliefen und auf Sturz desselben berechnet seien. Mit Hindeutungauf die Gefahren, die der Finanzminister in Aussicht gestellt hatte, schloß der Red-ner: „Ich verkenne die Schwüle dieses Augenblicks wahrlich nicht. Aber eines weißich — und das erkläre ich zugleich im Namen meiner Freunde — wir gehen, un-serer Überzeugung treu, den geraden Weg und schrecken auch vor Dem nicht zurück,was der Herr Minister uns heute ahnen läßt, denn wir wissen, daß die Verantwor-tung, die furchtbar schwere Verantwortung nicht auf unsere Häupter fällt!"
Tamnau betrat hiernach die Nednerbühne und empfahl sein Amendement. AlleParteien der Versammlung hätten sich gegen die üble Deutung des Beschlusses vom9. Aug. verwahrt; man möge es also jetzt feierlich aussprechen, daß jene Deutungnicht zulässig sei. Gegen Unruh's Vorschlag spreche er sich deswegen aus, weil der-selbe ein Mistrauensvotum aussprechen wolle. Dasei sei aber kein Grund vorhanden,da das Ministerium mit der Absicht der Versammlung einverstanden, und nur überdas Mittel andere Meinung hege. Eine Revolution sei vor nicht langer Zeit erstvorübergegangen; noch gä'hren alle Elemente, die dadurch in Aufruhr gerathen: undin einem solchen Augenblicke wolle man ohne Noth ein Mistrauensvotum ausspre-chen! „Nun", rief er in heftigem Ton dem Centrum zu, „wenn Sie Dies wollen,so kann ich nicht anders sagen, als Sie müssen dann auch die volle Verantwortlich-keit dafür tragen und sie nicht uns zuschieben wollen. Wir sind von den starrenConsequenzen unserer Grundsätze abgewichen, wir gehen soweit als irgend möglichist, um die Einheit zwischen Regierung und Volk zu erhalten, und die Hand, dieIhnen zum Frieden geboten wird, wollen Sie zurückweisen, Sie wollen starr an demPrincip festhalten und damit das Land in Gefahr bringen? Wohl! Wenn Sie esWollen, so ist es Ihre That!"
Aus den Reden des Ministerpräsidenten und des Finanzministers hatte man