Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung. 609
entnehmen müssen, daß sie keinenfalls einen Erlaß publiciren würden, sondern baßsie durch die erwähnten Schritte den Zweck erfüllt glaubten. Das Erstaunen wardaher nicht gering, als nun Plötzlich der Kriegsminister das Wort nahm und in sei-nem und der übrigen Minister Namen erklärte,, daß er bereit sei, dem Tamnau'schenAmendement beizutreten, daß er kein Bedenken trage, ja sich sogar verpflichtet fühle,einen Erlaß in jenem Sinne an die Befehlshaber zu richten, um dadurch den Ein-fluß geltendzumachen, den die Versammlung wünsche. Allein diese Concession kamzu spät. Durch ein vierwöchentliches Zuwarten und durch die entschiedene Verwei-gerung des Erlasses hatte das Ministerium die Versammlung schon gereizt, und dieDebatte selbst war in ein zu leidenschaftliches Stadium eingetreten, ehe man dieseConcession machte. Die Versammlung hatte also doch wol einige Berechtigung ge-habt, den Beschluß zu fassen, und der Competenzeinwand war also nicht recht stich-haltig. Also Hartnäckigkeit und Schwäche, damit gedachte man die ungemessenenFederungen der äußersten Linken im Zaume zu halten! Das Ministerium schienselbst alle Haltung verloren zu haben, denn trotz der Erklärung des Kriegsministersbemerkte nach ihm der Minister des Innern am Schluß einer Rede, daß das Landes dem Ministerium Dank wissen werde, keinen Schritt breit in dieser Frage gewi-chen zu sein.
Die Linke wurde jetzt nur um so leidenschaftlicher. Die Hitze im Saale wardrückend; fünf Stunden hatte die Debatte schon gedauert. Der Präsident schlugdaher vor, die Sitzung auf eine halbe Stunde auszusetzen. Die Linke widersetzte sichDem aber, vermuthlich weil sie fürchtete, daß die gemäßigtem Fractionen sich in-zwischen zu Concessionen möchten hinreißen lassen. Man fuhr also in der Debattefort. Einer der radicalsten Abgeordneten, d'Ester, fragte die Centren, ob sie etwaerklären wollten, daß sie am 9. Aug. einen falschen Beschluß gefaßt, denn ihreAmendements besagten dies. Den Rednern, welche von der Theilung der Gewaltenin gesetzgebende und executive gesprochen, warf er mit Hohn ein, sie wüßten ja nochZar nicht, aus welcher Basis die Versammlung ihre Verfassung gründen wolle, undob sie die Trennung der Gewalten, sowie sie sich dächten, annehmen würde. Zu-letzt bemerkte er den Ministern, daß sie sich durch ihr Benehmen zu Mitschuldigender Reaction machten. Ein anderer Redner der Linken, Berends, meinte, es handelesteh darum, wer die Souvernainetät des Volks repräsentier, das Ministerium oderdie Versammlung. Er glaube, die Versammlung sei es. Und wenn man sage,durch den fraglichen Erlaß begehe sie einen Eingriff in die Verwaltung, so frage er,ob es nicht auch ein Eingriff sei, wenn man das Tamnau'sche Amendement annehme.Die Stimmung des Landes habe noch nicht sich aussprechen können, wol aber dievon Berlin. Er wisse, daß der Präsident eine Adresse der gesammten Bürgerwchrerhalten, worin diese die Beschlüsse vorn 9. Aug. aufrechtzuhalten verspreche, undähnliche Adressen seien ihm selbst von einzelnen Compagnien der Bürgerwehr zuge-gangen, die er hiermit überreiche.
Diese letzte Erklärung erregte den Zorn der Rechten. Der Präsident theiltenun die Adresse des Bürgerwehrcvmmandos mit, worin es nur hieß, daß die Bür-gerwehr -in dem Willen der Majorität den Willen des Volks sehe, und daß sie dem-gemäß alle Beschlüsse der Versammlung mit den ihr zu Gebote stehenden Mittelnaufrechthalten wolle. Berends erklärte hierauf, daß in den Adressen, die ihm über-reicht worden, nicht von „Beschlüssen", sondern von „dem Beschluß vom 9. Aug."die Rede sei, und daß einzelne Compagnien erklärt hätten, sie hätten die Hauptadressein der Meinung unterzeichnet, daß der Beschluß vom 9. Aug. aufrechterhalten wer-den solle. Die Rechte sah darin eine Einschüchterung. Man legt hier die berlinerBürgerwchr in die Wagschale! rief ein Mitglied; „ich erkläre, daß uns die berlinerBürgerwehr nichts zu befehlen hat, und daß wir als freie Männer nur Gott undunserm Gewissen Rechenschaft schuldig sind." Ein anderer Abgeordneter der Rech-ten, Peltzer (Aachen), der sich stets dadurch auszeichnete, daß er den Schluß derDie Gegenwart. IV. 39