612 Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung.
jetzt zurückkehrten, bezogen Quartiere in der Umgegend Berlins; neue Verstärkungenschloffen sich ihnen an. . Der bisherige Neichsgeneral in Schleswig, General Wrän-ge!, wurde zum Oberbefehlshaber der Truppen in den Marken ernannt. DieseTruppenanhäufung um Berlin konnte nur gegen die Stadt gerichtet sein. Die Mi-msterkrise dauerte schon mehre Tage, und noch war das neue Cabinet nicht gebildet.Beckerath war angekommen und hatte sein Programm vorgelegt. Man erfuhr, daßdie Hauptpunkte desselben folgende waren: Annahme der Verfassung, sowie sie ausder Verfaffungscommission hervorgegangen, mit einer ersten Kammer, ohne Censusaus den Gemeindevertretcrn gewählt, und mit suspensivem Veto der Krone. Sodannverlangte er die Reorganisation des Heeres, nämlich: Auflösung der Garden undder Cadettenhäuser, Aufhebung des Militairgerichtsstandes und ein Avancement nachFähigkeit des Soldaten; einen Erlaß an die Armee in dem Sinne des Beschlussesder Nationalversammlung, und Abschaffung der Orden und Titel. Endlich die un-bedingte Unterwerfung unter die Beschlüsse der deutschen Nationalversammlung. BeiAnnahme dieses Programms, welches übrigens nur die Versprechungen der März-patente zur Wahrheit machen wollte, hatte Beckerath sich verpflichtet, alle weiterge-henden Bestrebungen energisch zurückzuweisen und den Agitationen der Republikanermit der ganzen Kraft der executiven Gewalt entgegenzutreten. Die Berufung Becke-rath's mußte übrigens die Zuziehung von Mitgliedern der Nationalversammlung zurFolge haben. Es lag in der Natur der Sache, daß man eine innigere Verbindungzwischen dem Ministerium und der Majorität herstellte. Diese Aufgabe war auchnicht schwer, denn Beckeratlsts Programm erfüllte Alles, was die monarchische Linkeverlangte, und die Rechte war der Art, daß sie mit jedem Ministerium, welchesnicht der äußersten Linke angehörte, gestimmt haben würde.
Da erfuhr man, daß Beckerath's Programm nicht angenommen, daß GeneralPfucl mit der Bildung des neuen Ministeriums beauftragt worden. Wirklich er-schien am 21. Sept. die königliche Cabinetsordre, in Folge deren General Pfuel zumMinisterpräsidenten und Kriegsminister, der Oberpräsident der Rheinprovinz Eichmannzum Minister des Innern, der Oberpräsident der Provinz Sachsen Bonin zum Fi-nanzminister, und der frühere Bundestagsgesandte Graf Dönhoff zum Minister desAuswärtigen ernannt wurde. Einige Tage später ward der Chefpräsident des Ober-landesgerichts in Halberstadt, Kisker, zum Justizminister ernannt. Die Ministeriendes Cultus, des Handels und des Ackerbaus blieben unbesetzt. Man hatte alsogrundsätzlich Mitglieder der Versammlung ausgeschlossen, wie es hieß auf Betreibender Rechten, welche der Parteihaß und die Unbekanntschaft mit dem parlamentarischenRegiment übersehen ließ, daß ein constitutionelles Ministerium nur dann Aussichtauf Bestehen hat, wenn es die fähigen Elemente der Majorität insichaufnimmt.Das neue Ministerium wurde allgemein als ein Ministerium der Reaction angesehen.Man wußte, daß es ihm zur Pflicht gemacht worden, Allem, was man als revoln-tionair bei Hofe ansah, entgegenzutreten, und sich selbst durch die Majorität der Na-tionalversammlung nicht vom Platze drängen zu lassen. Einige behaupteten schon,man habe sogar für gewisse Fälle die Auflösung der Nationalversammlung beschlossen.Die Personen der Minister, besonders Eichmann, gehörten dem alten System an:man erwartete also das Schlimmste.
Die Nationalversammlung hatte inzwischen das Local in der Singakademie ver-lassen und ihr Sitzungslocal nach dem königlichen Schauspielhause verlegt: die ersteSitzung wurde am 19. Sept. abgehalten. Am 22. erschien das Ministerium zumersten mal in der Versammlung.. In dem Programm, welches Pfuel vortrug, er-klärte das Ministerium, daß es auf der betretenen constitutionellen Bahn fortschreitenund reactionairen Bestrebungen mit aller Macht entgegentreten werde. Gleichzeitigermähnte es die Versammlung, schnell die Verfassung zu vollenden. Es werde derVersammlung über die Verwaltung Rechenschaft ablegen und ihren Wünschen Rück-sicht widmen, dabei aber auch die Rechte der Krone, als der einzigen Trägerin derausübenden Gewalt, gewissenhaft wahren. Das Programm war also sehr unbestimmt